Lyrik von Adreas Sticklies

Geschichten

Geschichtenberge
gebären frische Staben
zur Neubesilbung

Junge Freisilben
entwickeln Sinnstrukturen
und verworten sich

Taufrische Worte
besatzen einander
und keimen neue Geschichten aus

Als wäre es gestern gewesen

Wer als Fremder in Dahlerau das Haus der beiden Brüder Meyer sucht, hat damit einige Schwierigkeiten. Sie wohnen mit ihren Familien im alten Bahnhof dieser kleinen oberbergischen Gemeinde. Versteckt liegt er am Fuß eines steilen Han­ges, etwa zehn Meter unterhalb der Landstraße Wuppertal/Beyenburg – Radevormwald. Von ihr führt ein schmaler steiler Weg zu dem Gebäude hinunter. Das Haus ist ein Schmuck­stück. Viel verschnörkelt geschnittenes Holz um Dachkanten, Fenster und Türen herum, die Fassaden mit blauschwarzen Schieferschindeln verkleidet. Dazu ein großer Garten, pickende Hühner, schnatternde Gänse, zwei Katzen samt ihren Jungen. Riesige Bäume schirmen das Idyll gegen die Landstraße hin ab.

Nur gelegentlich passiert noch ein Güterzug den grasüber­wucherten Bahnsteig zwischen den beiden Gleisen, die sich vor und hinter ihm wieder zu einem einzigen vereinen. Der offizielle Personenverkehr ist seit 1976 eingestellt, die Schie­nen haben längst Rost angesetzt. Jahrelang, erzählte Friedhelm Meyer, hätten sie »so etwas gesucht«, deshalb auch »sofort zugegriffen, trotz allem«.

Trotz allem, das ist Donnerstag, der 27. Mai 1971. An diesem kühlen, regnerischen Tag verlassen morgens gegen halb sechs 48 Kinder die Wohnungen ihrer Eltern in Radevormwald, einer Kleinstadt im Oberbergischen Kreis. Sie treffen sich am Bahn­hof mit fünf Lehrkräften, einer Mutter und weiteren 12 Kin­dern, die aus umliegenden kleinen Weilern stammen. Die Jun­gen und Mädchen, überwiegend 14 Jahre alt, gehören den beiden Abschlußklassen 9a und 9b der städtischen Geschwister-Scholl-Hauptschule an. Zusammen mit den Erwachsenen brechen sie gegen sechs zu einer eintägigen Klassenfahrt nach Bremen auf.

Nach einem Museumsbesuch und einer Hafenrundfahrt dürfen die Kinder in Bremen einen Stadtbummel machen. Pünklich um 16 Uhr 30 finden sich alle zur Abfahrt auf dem Hauptbahnhof ein. Um 21 Uhr 06 sitzen sie in einem Schienen­bus mit Anhänger, den die Bundesbahn unter der Zugnummer Eto 42227 außerplanmäßig für die Rückfahrt von Wuppertal-Oberbarmen nach Radevormwald eingesetzt hat. Als der Schienenbus den Bahnhof Beyenburg auf der eingleisigen Ne­benstrecke Wuppertal-Radevormwald verläßt, nähert sich die Diesellok V 212-038-1 mit fünf Güterwaggons dem 560 Meter vor dem Bahnhof Dahlerau stehenden Einfahrtsignal im Schrittempo aus der Gegenrichtung. Das Signal zeigt Rot. Lok­führer Kurt P. betätigt die Signalpfeife, die Einfahrt auf Gleis eins des Bahnhofs wird freigegeben. Die Weiche am westlichen Ausgang hat der Dahlerauer Fahrdienstleiter Gottfried Seng­bart bereits so gelegt, daß der um 21 Uhr 15 erwartete Schie­nenbus hier auf Gleis zwei passieren kann, während der Gü­terzug auf dem anderen steht. Der Fahrdienstleiter nimmt – so sagt er später aus – den Signalstab Zp9 mit wahlweise ein­schaltbarem Grün- oder Rotlicht von der Wand, schaltet das Rotlicht ein, tritt auf den Bahnsteig und schwenkt die Kelle mehrfach hin und her. Der Güterzug bremst ab. In Höhe des Fahrdienstleiters angekommen, beschleunigt die Lok zu sei­nem Entsetzen plötzlich wieder, nachdem von ihr ein kurzer Pfiff ertönte. Sekunden später bricht der Zug die gestellte Wei­che auf und verschwindet hinter einer Kurve. Gottfried Seng­bart stürzt in das Dienstgebäude und greift zum Telephon.

Nach allen späteren Berechnungen muß es 21 Uhr 08 sein, als Ursula K., Klassenlehrerin der 9a, sich im Motorwagen des Schienenbusses von ihrem Platz in der 4. Reihe erhebt, um ihren Schülern und Schülerinnen zu erklären, daß der Unterricht am nächsten Tag wie gewöhnlich stattfindet. »Dienst ist Dienst, und Schnaps ist Schnaps« lautet ihr letzter Satz. Dann endet alles in dem donnernden Krachen, mit dem Schienenbus und Güterzug in voller Fahrt zusammenprallen.

Das bis heute folgenschwerste Zugunglück in der Geschichte der Bundesrepublik kostete 19 Mädchen und 22 Jungen das Leben. Zwei Lehrer starben und eine Mutter, auch der Trieb­wagenfahrer Wolfgang Schneider und sein Zugführer. Über­wiegend schwerverletzt überlebten 21 Kinder und drei Lehr­kräfte die Katastrophe. Unverletzt blieb ein einziger Junge. Unter schwerem Schock stehend lief er nach Hause. Auch Diesellokführer Kurt P. und sein Zugbegleiter kamen mit dem Schrecken davon.

Wo blieben die Spenden?

Für das 14 Kilometer entfernt gelegene Städtchen Radevorm­wald und seine rund 22 000 Einwohner begann eine Alptraum­nacht. Pausenlos heulten die Sirenen von Krankenwagen, Polizeifahrzeugen und Feuerwehren durch die Straßen. Eltern versuchten verzweifelt, an die Unfallstelle zu gelangen. Schau­lustige, Betroffene und Helfer sahen Grauenhaftes. Großschein­werfer ließen keine Zweifel an der entsetzlichen Realität zu.

Die 63-Tonnen-Lok hatte sich auf das Chassis des Motor­triebwagens geschoben und dessen Fahrgastraum bis zur Hälfte zusammengestaucht. Aus dem Gewirr von zerfetztem, verbo­genem Stahl und Blech gellten die Schmerzensschreie der Ver­letzten. Unfallgewohnte Polizeibeamte weinten; freiwillige Helfer, die zwei, drei der oft verstümmelten toten Kinder aus dem ersten Wagen geborgen hatten, wandten sich schluchzend ab. Um Mitternacht waren alle Verletzten geborgen. In Rade­vormwald hatte inzwischen der zweite Akt der Tragödie be­gonnen. In einer Turnhalle an der Bredderstraße spielten sich herzzerreißende Szenen ab. Dort identifizierten Eltern ihre toten Kinder.

Am Morgen lag eine Art Agonie über dem Städtchen. Sie hielt an bis Mittwoch nach Pfingsten, dem Tag der Beerdigung. Wie sehr Verzweiflung und Schmerz vor allem in den Angehö­rigen wüteten, macht eine Zahl deutlich: Über hundert Meschen brachen während der Trauerfeier zu­sammen. Ein 58jähriger Mann, dessen Neffe unter den Toten war, erlitt einen Herzanfall. Er starb noch auf dem Friedhof.

Siebzehn Jahre später leiden die Betroffenen seelisch und körperlich noch immer an der Katastrophe. Wer verstehen will, was danach geschah, muß sich die ins Gedächtnis der Angehö­rigen eingebrannten Schreckensbilder in Erinnerung rufen. Die gemeinsame Leidenserfahrung hat die Menschen einander nicht näher gebracht. Statt Freundschaften entstanden – von einigen Fällen abgesehen – Feindschaften. Gräben brachen auf zwischen den Familien Überlebender und den Eltern getöteter Kinder. Eine weitere Front entstand zwischen den vom Un­glück Betroffenen und der Stadt. Unter der scheinbar ruhigen Oberfläche des kleinstädtischen Alltags brechen die Konflikte hervor, sobald man daran rührt.

Die erste Kritik der Eltern galt den städtischen Behörden. Daß die Stadt außer in den ersten beiden Jahren am »Todestag nicht einmal einen Kranz für die Kinder übrig hat«, verstehen die Eltern nicht. Eine Mutter geht Tag für Tag zum Kommunal­friedhof, auf dem 28 Kinder und eine Erwachsene in zwei Reihengräbern bestattet sind (die übrigen Opfer wurden auf konfessionellen Friedhöfen beigesetzt). Nur mit einer Beruhi­gungsspritze übersteht sie jedesmal den 27. Mai ohne Zusam­menbruch. Auch andere kommen in der »Rader Karwoche«, wie ein Vater die Zeit zwischen den Jahrestagen des Unglücks und dem Datum der Beerdigung nennt, nicht ohne Beruhi­gungsmittel aus.

Den Satz »als wäre es gestern gewesen« hört man immer wieder. Eltern erzählen, oft von stillem Weinen unterbrochen, wie der Sohn oder die Tochter morgens aus dem Haus ging, was sie als Letztes sagten. »Ich sehe sie noch alle vier oben an der Bredderstraße winken« erinnert sich Gisela P. am Abend des Jahrestages. Alle vier – ihre Tochter und drei Nachbarskin­der, die nicht wiederkamen. Darunter auch der einzige Sohn von Anneliese St. Sie hat große gesundheitliche Probleme. Ihr Mann, »vorher kerngesund«, sagt sie, erlitt in den Jahren nach dem Unglück drei Herzinfarkte. Den letzten überlebte er nicht. Mehrere Väter im Alter zwischen 49 und 60 starben innerhalb von fünf Jahren nach der Katastrophennacht an Herzinfarkten oder Krebs. Für die Betroffenen ist ein Zusammenhang offensichtlich. Anneliese St.: »Wir haben alle einen Knacks weg seither.«

Daß diese Eltern, die den Klang eines Martinshorns nicht ertragen können, anderen vorwerfen, sie »verdrängen und vergessen« – kann es verwundern? Und es wird verdrängt. »Über die Dinge spricht ja kaum einer mehr, intern auch nicht«, sagt der stellvertretende Stadtdirektor Heinz Gestenberg. Für den »einzelnen, der in Bitterkeit erstarrt ist«, habe er zwar Verständnis, aber »der größte Teil der Betroffenen« beteilige sich »ja nicht mehr an solchen Dingen«. Vielmehr seien es »die ewigen Nörgler und die ewigen Unzufriedenen.«. Auch der damalige Bürgermeister Karl Schroer glaubt, Kritik käme nur von »einem ganz kleinen Prozentsatz der Eltern«.

Das stimmt nicht. Besonderen Groll hegen viele bis heute wegen der Spendenfrage. Zunächst aus Radevormwald, dann aus der ganzen Bundesrepublik und dem Ausland flossen Spenden für die Opfer auf ein Sonderkonto. Am 1. Juli 1971 betrug die Gesamtsumme 545 000 Mark, darunter eine von ihren sonstigen Entschädigungszahlungen (für jedes getötete Kind 20 000 Mark) unabhängige Großspende der Bundesbahn.

Von diesem Geld erhielten die Angehörigen der Toten je 3.000 Mark. Die Restsumme wurde an die verletzten Überle­benden verteilt. Das dauerte fast zwei Jahre. Gutachter stellten Schwere sowie die möglichen Spätfolgen der erlittenen Verlet­zungen fest, eine eigens gebildete Spendenkommission ent­schied dann über die Höhe der Beträge. Dieser Kommission gehörten neben Ratsvertretern, dem Bürgermeister, einem Bundesbahnfunktionär, zwei Pädagogen, dem Kreisdirektor und Kirchenvertretern nur zwei betroffene Eltern an. Sie wa­ren von der Eltern-Interessengemeinschaft gewählt worden und sollten deren Wunsch vertreten: Die gleichmäßige Vertei­lung an alle. Da man jedoch, so Elternvertreter Eugen Stahl, Stillschweigen über die Beratungen der Kommision bei deren Mitgliedern »vorausgesetzt hat«, erfuhren nur wenige der Be­troffenen, welche Summen zur Verteilung anstanden und an wen sie gingen.

Die Folgen dieser Geheimniskrämerei waren fatal. Verdäch­tigungen und Gerüchte machten die Runde. Eltern der Verletz­ten wurde vorgeworfen, sie sanierten sich »am Elend ihrer Kinder«. Und nicht nur von Angehörigen der Getöteten. Auch nicht betroffene Radevormwalder beteiligten sich an diesem Trauerspiel. Umgekehrt beschuldigten auch Eltern von Überle­benden Angehörige von Toten, sie seien »nur hinter dem Geld her«. Die Mutter eines schwerverletzen Mädchens sagt: »Wenn ich von denen jemand sehe, gehe ich so (sie weist mit der Hand geradeaus) daran vorbei«.

Von den jeweils »anderen« ungerecht behandelt fühlen sich viele bis heute. Noch immer ist die Spendenvergabe ein The­ma. Offenheit wäre danach nötig gewesen, denn den Eltern ging es – so sagen alle Befragten – überhaupt nicht um das Geld. Daß Unbeteiligte betimmten, kränkte und kränkt sie. Theo M., Vater eines toten Sohnes: »Wenn man uns doch ge­fragt hätte, aber uns hat man einfach übergangen.« Wenn die Verantwortlichen später wenigstens öffentlich Rechenschaft abgelegt hätten, wäre er schon zufrieden gewesen, aber »man hat uns nie gesagt, wo die ganzen Spendengelder geblieben sind«.

Keine Blumen, nichts

Auch das Gedenkkreuz auf dem Kommunalfriedhof, eine von der Bundesbahn bezahlte Arbeit der Bildhauerwerkstatt des Klosters Maria Laach, war und ist ein Stein des Anstoßes. Der von fast allen Betroffenen befürwortete Alternativentwurf ei­nes ortsansässigen Steinmetzes wurde im Stadtrat abgelehnt. Eine Mutter sagt: »Darüber waren wir alle empört!« Nicht zuletzt wegen der Sockelinschrift: »Von den vier Winden kom­me Geist und hauche über diese Toten, daß sie wieder lebendig werden (Ezech. 37/9)«. Manche finden sie zynisch. Von den überlebenden Opfern haben viele mit Gehirnquetschungen, Wirbelverletzungen und komplizierten Beinbrüchen Wochen und Monate in Krankenhäusern und Rehabilitationszentren verbracht. Bis heute leiden sie unter Schmerzen. Eine junge Frau bleibt an den Rollstuhl gefesselt. Zwischen ihnen und den Angehörigen der Umgekommenen besteht – von wenigen Aus­nahmen abgesehen – auch noch 1988 eine tiefe Kluft.

Viele Eltern registrieren mit Verbitterung, daß »die über­haupt nicht mehr an unsere toten Kinder denken, nicht mal am Todestag, keine Blumen, nichts«. Die Angegriffenen, längst selbst Familienväter und -mütter, weisen die Vorwürfe zurück: »Man hat doch richtig Angst gehabt, zum Friedhof hinzuge­hen und wieder und wieder Eltern zu treffen und diese Frage zu hören: Warum lebst du und mein Kind nicht!« erzählt Jutta F. Ein anderer Überlebender wehrt sich: »Gilt denn nur als Trauer, was man nach außen zeigt?« Jutta F. hat zu den Gräbern »keine Beziehung«. Sie wird von dem Gefühl beherrscht, »mei­ne Kameraden liegen da gar nicht, weil sie irgendwie in mei­nem Innern weiterleben«.

Was ist versäumt worden in der kleinen Stadt? Woher das Gefühl bei so vielen Eltern toter Kinder, mit dem Schmerz und der Trauer alleingelassen zu sein? Weshalb dieses schmerzblin­de Wüten gegen die Davongekommenen, wie es eine Lehrerin jahrelang erdulden mußte?

Sie wurde von einigen Eltern für den Tod der Kinder ver­antwortlich gemacht und diskriminiert. Sie, die mit schwersten Verletzungen überlebt hat und psychisch außerstande ist, je wieder ein Klassenzimmer zu betreten, ist von diesen Erfah­rungen gezeichnet. Reden will sie nicht darüber, Anklagen liegen ihr fern. Nur einmal, am Nachmittag des 27. Mai, zeigen sich kurz ihre seelischen Wunden. »Wer denkt denn an dieses Mädchen, von denen allen?« fragt sie bitter, als wir die quer­schnittgelähmte Karin Z. besuchen.

Und wer an Waltraud Schneider, die Ehefrau des getöteten Triebwagenführers? Seit dem Tod ihres Mannes ist sie in psych­iatrischer Behandlung. Sechs Jahre lang konnte sie ohne Be­gleitung überhaupt nicht aus dem Haus gehen, heute nur mit Beruhigungstabletten. Auch sie fühlt sich seit 17 Jahren in ihrem nicht enden wollenden Schmerz alleingelassen.

Oder Karin Binder, die Tochter des Dahlerauer Fahrdienst­leiters Gottfried Sengbart. Sie muß mit dem unausrottbaren Gerücht leben, ihr Vater habe sich ein Jahr nach der Katastro­phe das Leben genommen. Aus Schuldbewußtsein. Aber dazu hatte er keinen Grund. Zwar litt er furchtbar unter dem Ge­schehen, war aber fest davon überzeugt, daß der ersehnte Prozeß ihm korrektes Verhalten am Unglückstag bescheinigen würde. Doch am 28. Juni 1972 verunglückte er tödlich bei einem unverschuldeten Autounfall. Einen Tag später schloß die Wuppertaler Justiz die Ermittlungsakten. Die Schuldfrage blieb ungeklärt.

Der Lokführer des Güterzuges, Kurt R, bittet eindringlich, seinen Wohnort geheimzuhalten. Weil man nicht wisse, »wie der eine oder andere da reagiert oder falsch denkt«. Natürlich hat auch er nicht vergessen, nur, »daß ich jetzt speziell an diesen Tag gedacht hätte, das glaube ich nicht«. Leidet er noch unter dem damaligen Geschehen? »Leiden, nein, das will ich nicht sagen!« Da ist er der einzige von allen Betroffenen an diesem 27. Mai 1988.

Nachtrag 28.05.2021:

Am Tag, als mein Beitrag in der ZEIT erschien, gründete sich im Hessischen Borken die “Arbeitsgruppe Stolzenbachhilfe”. Dort hatte sich am 1. Juni 1988 eine  Bergwerkskatastrophe mit 51 Toten ereignet (über die ich in der gleichen ZEIT-Ausgabe berichtete). Meine Radevormwald-Reportage diente nunmehr als “Negativ-Folie” für diese Arbeitsgruppe. Nämlich dafür, was in Radevormwald (nicht) geschehen war und in Borken auf keinen Fall passieren dürfte. Erstmals wurde dadurch in Deutschland Opfern und Angehörigen von Katastrophen systematisch über Jahre psychosoziale Hilfestellung geboten – was dann später zum Standard wurde. Nachzulesen in “Arbeitsgruppe Stolzenbachhilfe (Hg.), Nach der Katastrophe – Das Grubenunglück von Borken, Göttingen 1992, S. 13. In dem Buch wurde deshalb auch auf S. 172 meine ZEIT-Veröffentlichung noch einmal nachgedruckt.
Darauf bin ich bis heute ein klein wenig stolz. Nicht auf den Nachdruck natürlich! Sondern dass ich mit der Fähigkeit zu schreiben dazu beitragen konnte, Katastrophenopfer in Deutschland (bis heute) in und mit ihrem Elend nicht mehr allein zu lassen.

auch ein liebesgedicht

für Erich Fried ( *06.05.1921 + 22.11.1988 )

Deinen Briefumschlag
mit den zwei gelben und roten Marken
habe ich eingepflanzt
in den Blumentopf

Ich will ihn
täglich begießen
dann wachsen mir
deine Briefe

Schöne
und traurige Briefe
und Briefe
zwischen deren Zeilen
ein Lächeln tanzt” (E.F.)

solche briefe
haben meine freunde
und ich uns
oft erträumt

damals hofften wir
noch dass väter
sich wandeln könnten
in väter
die freunde sind

nur gab es
keine briefe
und die väter
wurden zu feinden

heute gieße ich
deinen briefumschlag
und warte
dass briefe
mir wachsen

schöne
und traurige briefe
und briefe
die mir klarmachten
zu früh vielleicht
gaben die hoffnung wir auf
damals
ende der sechziger

Kurzprosa von Jennifer Sticklies

Der neue Job

“Also ich weiß nicht, ob Sie für diese Stelle das mitbringen was nötig ist?!” “Wieso?” Frau Tod ließ die Stripperstange so abrupt los, dass sie auf dem Hintern landete. “Als erstes: Meine Mädchen tanzen nicht im Mantel und schwingen dabei eine Sense und b) ich glaube kaum, dass sie jemanden so antörnen, dass er ihnen Geldscheine zusteckt – egal wo hin”.

Die Geschäftsführerin des Stripp-or-Rip schüttelte energisch den Kopf.

Frau Tod seufzte – aber nur aus reiner Gewohnheit.

“Ich brauche aber diesen Job, ich hab’s als Domina versucht, aber das ging zu sehr auf die Knochen; ich war auch als Clown auf Kindergeburtstagen, bin aber allergisch auf die Schminke und als ich es als Sanitäterin versuchte, sind die Leute gleich von der Trage gehüpft und haben das Weite gesucht wenn sie mich gesehen haben”.

“Okay, starten wir noch einen Versuch, haben sie vielleicht einen Song, der ihnen helfen könnte etwas lockerer zu werden?”

Frau Tod überlegte ein wenig und flüsterte dem Soundtechniker etwas ins Ohr, worauf sich sein Gesicht leicht verfärbte – ob es an Frau Tods Nähe oder der Songauswahl lag blieb ungeklärt …

Als die Musik aus den Boxen schallte und Frau Tod so richtig an der Stange loslegte, kamen den Anwesenden die Tränen, aber offensichtlich nicht vor Rührung. Es war jedoch nicht festzustellen ob es daran lag, dass sie sich zu “Atemlos durch die Nacht” an der Stange rekelte und der Auftritt dadurch noch schlimmer, ja geradezu unerträglich wurde oder daran, dass sie ihren Mantel ins Publikum warf.

Nachdem selbst die härtesten der Stammgäste – Mitglieder der Diabolo-Angels – in Tränen aufgelöst das Lokal verlassen hatten, nahm die Geschäftsführerin Frau Tod zu Seite und machte ihr ein Angebot das diese nicht ablehnen konnte.

Seit diesem Tag hatte das Stripp-or-Rip eine neue Rausschmeisserin mit der sich wirklich niemand anlegte, wenn er nicht im wahrsten Sinne des Wortes lebensmüde war.

Buchprojekt

Buchprojekt

Zur Info: Damit die Seite mit den Texten der Literatur-Werkstatt nicht völlig unübersichtlich wird, löschen wir ältere Beiträge immer wieder und lassen nur jeweils einen oder zwei exemplarisch für den jeweiligen Monat stehen. Wir überlegen aber, noch ein Archiv einzubauen, so dass alle Texte zeitlich unbegrenzt aufgerufen werden können. Derzeit kommen ohnehin etwas weniger Texte dazu. Grund: Da sich die Teilnehmer*innen Dank der Corona-Regeln in den letzten Wochen und Monaten nur einzeln untereinander treffen konnten, haben wir uns zu einem Buchprojekt entschlossen. Gemeinsam mit mehreren Werkstatt-Besucherinnen arbeiten wir derzeit an einem Prosa- und Lyrikband. Die erste Manuskript-Version ist fertig. Sie muss nun per Mails an alle Beteiligten gehen und dort weiter überprüft bzw. abgesegnet werden. Wir hoffen, Juli/August in die Druckphase zu kommen. Selbstverständlich wird der Band dann im Dachstubensalon vorgestellt.

Prosa von Volker Overdick

Risiko-Begegnungen oder Der Minister für Fremden-Verkehr rät ab

Der geschätzt vierzig Meter breiten Canale Grande präsentierte sich dem Betrachter, vor allem nach dem Verschwinden des Tageslichts, wie eine durch die Stadt auf dem Wasser getriebene Bresche. Die Spiegelrefiexkamera eines deutschen Touristen sammelte das von einer Komposition aus hochschnäbeligen Gondeln am Gegenufer und einem Barock-palazzo zurück geworfene künstliche Licht. Nachdem der Venedig-Besucher nach fünf oder zehn Sekunden das Geräusch des zuschnappenden Verschlusses vernommen hatte, beließ er die Kamera auf dem Stativ montiert, klappte es zusammen und zog mit seinem Fotogepäck in den Händen und im Rucksack davon.

Sogleich verschlangen ihn die aus den Zwischenräumen von Häusern gebildeten steinernen Trakte. Eine einsame Glühbirne beleuchtete nach Kräften die unter ihr befindliche, stille Szenerie. Erneut spreizte und platzierte der Mann das Aluminiumdreibein mit dem Apparat darauf; dahinter kauernd richtete er den Fotoapparat aus und drückte das Knöpfchen am Ende des fiexiblen Drahtauslösers.

Er täuschte sich nicht, wieder hatte der Regen eingesetzt, nieselnd. Der Niederschlag wurde stärker. Der geplagte Fotoamateur wich mit seiner ungeschützten Apparatur unter ein Baugerüst aus und zerlegte sie dort.

Während er hockend das technische Zeug verstaute, dabei bemüht, den Ursprung des auf dem alten Pflaster, neben sich, ausgebreiteten Fleckens nicht allzu genau zu ergründen, nahmen nebenan, unter einer Markise, Restaurantgäste ein spätes Mahl ein.

Der Tourist war sicher, dass die mit erstaunlich geringem Aufwand bewerkstelligten Nachtaufnahmen gelungen waren, obwohl er dessen erst gewiss sein konnte, wenn der Diafilm entwickelt und in Streifen geschnitten beim Fotohändler auf dem Leuchtpult lag, damit er, der Kunde, die Ergebnisse seines Fotoexkurses prüfen konnte.

Das wechselhafte Wetter wurde lästig. Der Fototourist bedauerte, dass es ihm nur die wenigen Nachtaufnahmen gewährte, die er nun im Kasten hatte. Speziell wegen der Nachtaufnahmen war er in den frühen Abendstunden in Mestre, von Camping Rialto, aufgebrochen. Mit einer Hand den Regenschirm zu halten und darunter mit der zweiten an der Kamera zu fummeln, war ihm zu akrobatisch. Er war Amateur und musste daheim keinem Auftraggeber einen Satz Fotos auf den Tisch knallen. Lieber verzichtete er.

Als die Sachen verpackt waren und er aufsah, stellte er fest, dass mit der von ihm eher zufällig gewählten Route vor einem kleinen Kanal Schluss war. Das schräg vor ihm buckelnde Brückchen war von seinem derzeitigen Standort nicht in direkter Linie erreichbar, sondern erst nach einem Rückzug hinter unüberschaubar massierte Häuser mit Lücken, die in rechten Winkeln launisch bald nach rechts, bald nach links, sprangen.

Abgesehen von der Frage, ob der Weg über die Brücke überhaupt der richtige sei, gab es für einen Fußgänger an dieser Stelle kein Weiterkommen.

Der Stadtbesucher ließ die, wie üblich, in der Mehrzahl auftretenden und zwanghaft redenden Menschen im Lichtschein des Lokals hinter sich. Er hoffte, bald auf Hauswänden die in schwarz gesprühten Pfeile mit dem Zusatz „Ferrovia — Eisenbahn” zu entdecken. Von der Piazza San Marco leiteten sie die Touristenströme durch das Innere von Venedig, durch einen Irrgarten aus Gebäuden, auch zu den Buskais nahe des Bahnhofs. Von diesen Zeichen fand er keines.

Seinen auch in Großstädten nützlichen Kompass trug er im Rucksack. Das vorhandene Licht war aber zu spärlich, urn die Markierungen auf der Kompassdose abzulesen, und die kleine, vielseitig verwendbare Stablampe schlummerte im Autokofferraum, auf dem Zeltplatz in Mestre.

Der Mann auf den Trekkingsandalen schickte einen Blick durch einen von zwei Häusem gebildeten Spalt, der einlud, die Zick-Zack-Strecke zu der größeren Quergasse abzukürzen, von der er nur einen schmalen Ausschnitt sah. Dem Alleinreisenden grauste bei dem Gedanken, zwischen den, mit bloßen Augen erkennbar, einander zugeneigten Mauern stecken zu bleiben. Würden die Venezianer eines der beiden Häuser abreißen, ihn zu retten, wenn er eingeklemmt wäre, oder würde er, über seinen langsamen Tod hinaus, zum Skelett abmagem, bis dann ganz schlanke Italiener zu ihm vordringen und seine Überbleibsel zusammenkehrten?

Je länger sich sein Aufenthalt in den Abend erstreckte, desto mehr geriet die Gassenstruktur für den Ortsunkundigen zum Labyrinth. Woher und wohin er auch gelangte, voran kam er nicht.

Im gauklerischen Halbdunkel, in dem nicht nur alle Katzen grau sind, sondern ein gewichtiges, gebündeltes Fotostativ im Henkelköcher kaum von einem Oboenkoffer oder einem schweren Maschinengewehr zu unterscheiden war, drängte ihn wiederum eine Wasserstraße ab.

In dem Bogengang, wo er unterwegs war, stand, einige Meter vor ihm, eine weibliche Gestalt, die mit den Händen ein Tuch über ihre Stim spannte, um, wie nahe lag, den schwachen Regen abzuwehren und obschon der sie neben den Bögen, unter dem Bauwerk, nicht beeinträchtigte.

Seitlich zu ihr, im Hintergrund, bemerkte der friedliche Besucher wieder eine über die Wasserfläche gewölbte Brücke, so beschaffen, dass Boote von den ungefähren Maßen einer Gondel, nicht jedoch sperrige Schwimmvehikel, unter ihr passieren konnten.

Der Tourist fragte nach der Richtung des Piazzale Roma. Während die Angesprochene antwortete, hörte er, dass er eine Ausländerin vor sich hatte, denn statt des treffenden italienischen Wortes für „Gasse” gebrauchte sie den geläufigeren Begriff für „Straße, und statt „breit” verwendete sie „groß”. Den Weg zum Piazzale Roma wisse sie nicht. „Eine größere Straße” sei — sie wies mit dem linken Arm durch die begehbare Lücke zwischen den Häusern, durch die der Fremde sowieso mußte, weil der Gang dahin abknickte — da und da, und bei ihren Angaben wechselte sie ein paarmal zwischen den Wörtern far rechts und für links, damit der Stadtbesucher, das meinte sie, den Anschluß an die gekennzeichneten Passagen wieder fände.

Sie kenne aber den Weg zum vaporetto, zum Wasserbus.

Der um Auskunft Verlegene entgegnete, er könne nur auf seine Füße vertrauen, da er den letzten Bus nach Mestre bekommen müsse.

Bereits einige Schritte von ihr entfernt, drehte er sich um und fragte unaufrichtig: „Kann ich lhnen helfen?”

Sie suche eine Straße und erwähnte dazu eine Hausnummer. Er, der unvorsichtigerweise die Floskel mit dem Hilfsangebot geheuchelt hatte, dachte an seinen Stadtplan von Venedig, aber auch, dass er nicht eine Nacht in einer nassen Stadt gefangen sein wollte. Er konnte daher keine Zeit dafür erübrigen, mit der ihm eher unbequemen Frau vor der Schattenkulisse dieser amphibischen, jahrhundertealten Stadt auf seinen ehedem unzulänglichen Stadtplan zu starren und anschließend der Unbekannten zum Auffinden der gewünschten Haustür zu verhelfen.

Obwohl er hier und da kleine Gesellschaften vermutlich Einheimischer antraf, blieb er desorientiert, denn er setzte nun alles auf seine eigenen Beobachtungen und Einfälle.

Auf einem kleinen Platz, im dürftigen Streulicht elektrischer Leuchtquellen, begegnete ihm abermals die Frau, beinahe noch ein Mädchen, dieselbe Geste, wie vorhin, den Kopf bis zu den Augen verborgen unter dem gelben Tuch, sanft lächelnd. Wie hatte sie es geschafft, vor ihm hier zu sein?

Der Tourist gab zu verstehen, er wisse nach wie vor den Weg nicht und äugte an ihr herab, während sie zu ihm aufschaute. Ihre Haut war, auch in Anbetracht des launischen Wetters, zu hell für den Mittjuni. Sein unwillkürlich gesteuerter Blick glitt tief nach unten und rastete einen Lidschlag lang auf einem Sims aus zwei Fünferrreihen rot lackierter Fußnägel. Trotz Zweifeln folgerte er, an ein Nachtschattengewächs geraten zu sein, ein gepflegtes, gepflegt, wie eine Lohndirne vor ihrem ersten Einsatz an diesem Samstagabend sein konnte.

Sie verstand seinen Blick und, anscheinend nicht gekränkt, las sie aus seinen Augen, wofur er sie hielt.

Ohne Absichten, den Kontakt zu vertiefen, witterte er ein Eingreifen des Schicksals und scheute es in demselben Moment. Durch sein knappes Verweilen zeitlich zusätzlich unter Druck, ging er, und als er sich umwandte, verwechselte er ein im Gespräch befangenes, ähnliches Mädchen neben dem Eingang einer osteria mit der Frau, die ihm an diesem Abend zweimal erschienen war. Bevor der Deutsche wieder in das Gassengewirr eintauchte, begriff er, dass die mysteriös wandelnde, weißhäutige, lebende Statuette mit dem schulterlang herab reichenden Kopftuch sich auf der übersichtlichen piazza in nichts aufgelöst hatte.

Eine Venezianerin gab eine Plauderei auf, so abrupt, als werde sie von dem Einzelgänger mitgerissen. Fingierend, dass sie ihn nicht beachtete, stakste sie auf spitzen, metallbeschlagenen Absätzen vor ihm her, und obwohl er über einen aufgespannten Schirm verfügte und sie nicht, schritt sie mit schlanken, geraden Beinen aus, ohne ihm entkommen zu wollen. Das regelmäßige Tacken ihrer hochhackigen Riemchensandaletten hallte zwischen den Häuserkluften und schallte über die unscharf dunkelgrauen, von fallenden Wassertropfen genoppten canali, die sie querten, die modebewußte, federnde Italienerin dem Deutschen zwei bis drei Meter voraus, treppauf, treppab, über an- und absteigende Brückenvolten, hinter ihr der nach Jahrzehnten in Frauenbelangen geläuterte Einzelgänger. Ihm war, als biete er ihr Geleit, bis sie in den palazzo schlüpfen würde, in dem sie wohnte, nichts weiter, wenn er bis dahin nichts unternimmt, also ihr nicht Schutz unter dem Schirm anträgt. Ihren köstlichen Duft könnte er dann intensiver genießen, und dabei spielte keine Rolle, was sie sagten, wichtiger war: Sie zeigte ihm ihre prächtigen Zähne, und mit aufgesperrten Augen würden sie und er zu zweit durch das ruhende, nächtliche Venedig baseln.

Er wußte, wohin derlei oft führte. Er hatte die schicksalsdichten Momente erlebt, den Variantenreichtum dieser zunächst unscheinbaren und sich dann wie im Rausch offenbarenden Ereignisfenster und, was daraus hervorgeht, wenn zwei Menschen mit tausend Kilometer voneinander getrennten Lebensmittelpunkten für die Liebe optieren und alles andere ignorieren: kurzlebige, in Wahrheit unergiebige Episoden unter dem Stichwort Mann und Frau oder, schlimmer, desaströs implodierende Romanzen. Dass er dem wippenden Rocksaum auf Abstand folgte, hatte einen günstigen Effekt: Der müde Tourist gelangte endlich in die Zone mit den Weghinweisen, und von dort, vor Fahrplan-Ende, zu seinem Linienbus.

Lyrik von G. Teitz

folgsam

Der Hirte
hat seine Hunde
so
bleibt die Herde zusammen
Ausbrüche
werden zurück getrieben

Sie fressen
das Gras
der Weiden
und bezahlen
am Ende
mit Blut

Solange sie
sattgrüne Wiesen haben
und Angst
vor den Hunden
werden sie
dem Hirten blind folgen

Bis
in den Tod

Gaby Teitz

Medienwelt

Dem Rausch der Medien
verfallen
wird kaum noch miteinander
gesprochen

wird der Computer
zum stummen Freund
siegt
die Sprachlosigkeit

Beim selbstsüchtigen Spiel
verliert das Wir

wird das Miteinander besiegt
vom gefühllosen Ich

Claudia Schröder

Winter

Regentropfen, die in Pfützen fallen

Grau fließt Pfade findend in den Tag

Flackerndes Licht tupft aufs Pflaster

in Wolkengipfel ragt empor

Aufmüpfig scheints

Fahl am Pfosten lehnt der Pfarrer

Zupf ein Haar mir flink vom Schopf

Stapf verschnupft durch Nebeldampf

Elke Holland