Zwischen den Zeilen liegt ein anderes Land

Für alle die wissen möchten was wirklich passiert ist und die Geschichte des Deutschlandliedes in der DDR nachlesen möchten..
Der Fall Uwe Steimle zeigt, wie unterschiedlich Deutschland bis heute Sprache, Satire und Erinnerung versteht. Ein Strafverfahren beginnt gewöhnlich mit einem Anfangsverdacht. Ein öffentlicher Skandal beginnt anders. Er beginnt mit Bildern, Symbolen, Überschriften und der Reihenfolge, in der ein Ereignis erzählt wird. Wer verstehen will, weshalb aus einem Kulturabend in Dessau-Roßlau binnen weniger Stunden ein bundespolitischer Fall wurde, darf deshalb nicht allein auf zwei Sätze des Kabarettisten Uwe Steimle schauen. Er muss den ganzen Abend sehen, die Bühne, die Rollen, das Thema Frieden, die politische Umgebung, die Reaktionen des Publikums, das gemeinsame Singen zweier deutscher Hymnen und schließlich die mediale Dramaturgie, die aus diesen Elementen eine einzige, hoch aufgeladene Erzählung formte.
Quelle: https://globalbridge.ch/zwischen-den-zeilen-liegt-ein-anderes-land/

30. Juli 2026  

Nachtrag zum Thema Patriarchat, Manosphere und Tradwives

taz-Kolumnist Robert Misik erinnert an die drei Sozialforscherinnen Marie Jahoda, Else Frenkel-Brunswik und Käthe Leichter, die allesamt von Wien in die USA emigrierten und zu den Studien über den „autoritären Charakter“ beitrugen: Frenkel-Brunswik etwa untersuchte „die ‚Etablierung von Männlichkeit beim Jungen‘, das häufige Zurschaustellen ‚von Härte und Rücksichtslosigkeit‘ bei jungen Männern und den Zusammenhang dieser Eigenschaften mit antidemokratischen Gesinnungen. Es scheint so, als hätte sie Figuren der Manosphere und ‚Tradwives‘ prophezeit.“ Sie hat auch den Begriff der „Ambiguitätsintoleranz“ geprägt. https://taz.de/schlagloch/!6199688/

27.-29.Juli 2026

Die Waldbrände und ihre Ursachen im Süden Europas

Gerade kommt die vergleichsweise gute Nachricht im Radio: Die Brände in Südfrankreich rund um Bordeaux sind gestoppt. Das heisst nicht, dass sie überall aufgehört haben, aber sie breiten sich nicht mehr aus.
Wir kennen fast alle Stellen an denen es gerade brennt durch unsere Urlaube in Südfrankreich: die Atlantik von Lacanau bis zur Dune de Pila. In Bordeaux haben wir vor einigen Jahren ein wunderbares Feuerwerk erleben dürfen am 14. Juli. Es ist eine wunderschöne Stadt und eine erneute Reise wert. Das Weinanbaugebiet rund um Bordeaux  wurde vom Feuer weitgehend verschont. Erst vor kurzem waren wir in Valras-Plage in der Nähe von Beziers auf einem Campingplatz direkt am Mittelmeer, wo es schon Ende Mai um die 30 Grad warm war. Mit wahlweise Baden im Meer und Baden im Pool sind diese Temperaturen gut zu ertragen. Aber die eigentliche Urlaubszeit ist jetzt – vom 14. Juli bis Ende August fährt ganz Frankreich in Urlaub. Jedenfalls alle, die es sich noch leisten können. Vor langer Zeit haben wir mal in der Ardèche sehen können wie Flugzeuge Wasser auftanken – ein halsbrecherisches Manöver, dass ständig geübt werden muss. Wir sahen im Urlaub täglich Wasserflugzeuge die dies übten: Brände von oben zu löschen. Was derzeit besonders schwierig ist aufgrund der besonderen Wetterlage durch die Brände. Petra Ahne erklärt in einem  Artikel in der FAZ vom 29. Juli den jetzt in Frankreich kursierenden Begriff „Pyrocumulonimbus“, „über den Flammen entstehende, alles noch schlimmer machende Gewitterwolken“.

Dazu passt diese Meldung (Frankreich, Spanien und Portugal sind eben nicht die Ukraine):

 “Service minimum” bei EU-Hilfe gegen Waldbrände – Sanktionen schaden

Die Waldbrände bei Bordeaux und Madrid schlagen alle Rekorde. Spanien hat den Notstand ausgerufen, in Frankreich jadt eine Krisensitzung die nächste. Da ist auch die EU an vorderster Front, sollte man meinen. Doch weit gefehlt.
Die Helfer aus Brüssel machen “service minimum”, wie man in Frankreich sagt – nur das Nötigste. Zwar wurde das Krisenreaktionszentum ERCC aktiviert, es hat auch Löschflugzuge geschickt. Doch die kommen nicht von “der EU”, wie es immer heißt, sondern aus den Mitgliedsstaaten. Von “der EU” hat sich auch noch niemand in den Katastrophengebieten blicken lassen. Die zuständige Kommissarin Lahbib hat zwei Tweets abgesetzt, das war’s. Was die Helfer in Frankreich und Spanien noch mehr empört: Der bei Waldbränden bewährte, russische Kamov Ka-32 Helikopter kann nicht eingesetzt werden – wegen EU-Sanktionen, die die Wartung verhindert haben. Ein Skandal!
Wütend sind die Helfer auch in Portugal. Sie haben ihre durch die EU-Sanktionen lahm gelegten russischen Hubschrauber großzügig an die Ukraine gespendet – und stehen nun mit einem ausgedünnten Arsenal da…
Quelle: https://lostineu.eu/service-minimum-bei-eu-hilfe-gegen-waldbraende-sanktionen-schaden/

Und was extrem schädlich ist in Südfrankreich sind die Kiefernplantagen, die sich Wald nennen. Angelegt vor 200 Jahren von Napoleon für seine Flotte, heute Arbeitsgrundlage der Holzindustrie. Diese wehrt sich dagegen einen richtigen Mischwald anzulegen – und hat damit Erfolg. Aber am Ende ist es doch der Klimawandel, der wieder für alles herhalten muss.

 „Dass es in Spanien brennt hat nicht nur mit dem Klimawandel, sondern auch mit Monokulturen und der Entvölkerung des Landes in weiten Landstrichen zu tun, erklärt FAZ-Korrespondent Hans-Christian Rößler im Leitartikel der Zeitung: „Auf die Halbinsel entfielen im vergangenen Jahr zwei Drittel der in der gesamten EU verbrannten Fläche. Besonders in Spanien werden die Wälder ein Raub der Flammen, weil die Menschen nicht mehr da sind, die sie pflegen. Es fehlen die Bauern, die unter den Bäumen ihr Vieh weiden lassen und dadurch die Wälder sauber machen. Auch die ungenutzten Weiden und Äcker verbuschen. Die Landwirte werden älter, immer mehr geben auf. Spaniens Mitte ist bereits ausgeblutet, mehr als 60 Prozent des Landes sind zu einer demografischen Wüste geworden.“

https:

25. Juli 2026

Skulpturenpark Waldfrieden – was ist skulpturales Denken?

Heute waren wir wieder mit Freund*innen in der Tony Cragg Foundation Waldfrieden. Es ist immer wieder ein beeindruckender Ort. Cragg ist Bildhauer, lebt in Wuppertal und hat einen fantastischen Skulpturenpark mitten im Wald geschaffen. Es finden dort Ausstellungen statt – meistens von anderen Bildhauern. Manchmal aber auch Konzerte, Lesungen – sogar ein Philosophischer Spaziergang wird angeboten. Was haben die ausgestellten Werke mit Philosophie zu tun? Eine Menge. In einem kleinen Katalog hat Cragg selber beschrieben was für ihn skulpturales Denken bedeutet und das er dies gerne auf andere Lebensbereiche übertragen möchte. Wenn ich eine Skulptur – insbesondere seine aber auch die meisten anderen  –  nur von einer Seite sehe, habe ich auch nur einen einseitigen Eindruck davon, der sich völlig verändern kann, wenn ich die Skulptur von einer anderen Seite betrachte oder in sie hineingehen kann. Dazu kommen weitere Facetten: etwa das Licht, sind im Wald Blätter an den Bäumen oder noch nicht. Die Bäume wirken dann wie eine Unterstreichung der skulpturalen Formensprache. Liegt Schnee auf der Skulptur oder Teilen davon, usw.
In diesem Sinne wäre also skulpturales Denken eine Erweiterung der bisherigen oftmals sehr einseitigen Wahrnehmungen und den vielen Einschränkungen im eingeschränkt rationalen Denken. Ich kann mir vorstellen, dass es viele weitere Arten des Denkens gibt, auch abhängig von Berufen und Tätigkeiten. 
Diesmal war die Einzelausstellung allein sehens-, genauer erlebenswert: Rebecca Horn (1944-2024), eine Performancekünstlerin, Videomacherin und Erneuerin der kinetischen Kunst. Traumschöne Kunst, zum Teil politisch und immer wieder eine Anregung zum Nachdenken und Austauschen.
https://skulpturenpark-waldfrieden.de

Skulptur von Tony Cragg in Wuppertal (Foto (c) WSch)

24. Juli 2026

Uta Böttcher ist Diplom-Geologin, ihr Spezialgebiet ist die Hydrogeologie. Sie erklärt sehr gut,wie Messungen überhaupt gemacht werden, was sich seit 150 Jahren verändert hat – z.B. stand  vor 150 Jahren noch der Emscherwald in der Braubauerschaft in Gelsenkirchen –Süd. Und natürlich ist es im Wald im Hochsommer 8-10 Grad kühler. Und was vergleichen wir eigentlich,wir, wenn Temperaturen aus früheren Zeiten den heutigen gegenüber gestellt werden? Ist dann beispielsweise die Verstädterung herausgerechnet – oder einfach stillschweigend eingerechnet? Hochspannend zu lesen.

Jenseits von Hitze-Panik: Inwiefern steigen die Temperaturen wirklich?

„Das „Klima-Michel-Modell“ ermittelt in Deutschland die gefühlte Temperatur und sorgt regelmäßig für dunkelrot gefärbte Wetterkarten. Doch was sagen verlässliche Messungen über die Entwicklung der globalen Temperaturen der vergangenen Jahrzehnte wirklich? Gibt es einen Anstieg und wenn ja, um wieviel Grad?
Sommer in Deutschland, und in ARD und ZDF werden die Wetterkarten wieder flächendeckend dunkelrot bis violett. Vorwurfsvoll, ja fast schon mit Genugtuung, wird dem Zuschauer mitgeteilt: Da habt Ihr’s! Nun müsst Ihr zurechtkommen mit Eurem selbstverschuldeten Klimawandel. 
Diese Farbgebung ist natürlich nur zu unserem Besten. Sie wird bewusst so gewählt, weil – so die Begründung – im Zuge des Klimawandels häufiger Werte jenseits der 35 °C erreicht werden und die Farbpalette eine Schutzfunktion erfüllen muss: Aufgrund der Übersterblichkeit bei Hitze soll sofort sichtbar werden, dass wir es mit einer Gefahr für Leib und Leben zu tun haben. Auf diese Weise wird schon bei moderaten Sommertemperaturen von 28 °C mit flächendeckend tiefroten Farben ein psychologischer Daueralarm erzeugt.
Diese in ARD und ZDF gezeigten Temperaturkarten basieren zum einen auf realen Messdaten – es wird die physikalische Lufttemperatur in zwei Metern Höhe im Schatten gemessen – und zum anderen auf meteorologischen Vorhersagemodellen.“
https://www.achgut.com/artikel/jenseits_von_Hitze_Panik_inwiefern_steigen_die_temperaturen_wirklich

23. Juli 2026

Leihmutterschaft – jenseits der Affäre Spahn

Wir kommen den Science-Fiction- Romanen immer näher, die Werner und ich in den letzten Jahren gelesen haben, z.B. „Helix – sie werden uns ersetzen“ von Marc Elsberg. (Eine leider viel zu stark reduzierte Verfilmung lief gerade im TV). Darin geht es um die genaue „Bestellung“ des Kinderwunsches Aussehen, Intelligenz uva betreffend. Im Mittelpunkt stehen Designerbabys, gentechnische Veränderungen und die ethischen Grenzen der modernen Wissenschaft.
Aber worum geht es bei der Leihmutterschaft? In der Debatte über das Leihmutter-Baby von Jens Spahn ist die «Spenderin» der Eizelle kein Thema. Ein Erfolg der Lobby, denn Jens Spahn und sein Ehemann Daniel Funke haben eine Frau in den USA dafür bezahlt, dass sie ein Kind für sie austrägt. Dafür wurde der Leihmutter die Eizelle einer anderen Frau eingepflanzt, die zuvor im Reagenzglas mit dem Samen von Funke befruchtet worden war. In der Berichterstattung wurde die Eizelle meist nur erwähnt, damit klar ist, dass die Leihmutter keine biologische Verwandtschaft mit dem Baby und damit keine Rechtsansprüche hat.
„Bei Leihmutterschaft wird immer wieder der Vorwurf erhoben, sie beute arme Frauen aus. Und tatsächlich dürfte es nur wenige wohlhabende Frauen geben, die sich aus altruistischen Gründen dazu entschließen, ein Kind für ein anderes Paar auszutragen. In den USA hat sich die Reproduktionsmedizin inzwischen zu einer kommerziellen Dienstleistungsindustrie entwickelt, wo Aussehen, gute Noten oder sportliche Erfolge den Preis für eine Eizellspende bestimmen, berichtet Frauke Steffens in der FAZ. „Ein Gesetz, das deren Auswahl nach Aussehen, Bildung oder ethnischer Herkunft verbieten würde, existiert nicht. Auch die befruchteten Eizellen können später mit Präimplantationsdiagnostik und genetischen Tests selektiert werden – viele Agenturen und Kliniken werben explizit damit. Die freie Auswahl wird gern als Ausdruck reproduktiver Autonomie beschrieben. Kritiker sehen darin eine Form von Eugenik.“ Dazu kommt noch, dass viele Frauen seit Abschaffung des Rechts auf Abtreibung in vielen Bundesstaaten gar keine andere Wahl haben, als das Kind auszutragen. Was das für die Frauen genau bedeutet, macht schon die Wortwahl klar, so Steffens. So spreche man in den USA längst nicht mehr von „surrogate mothers“, also Leihmüttern: „Gesetzestexte oder auch die Werbung von Agenturen und Ärzten handeln stattdessen von ’surrogates‘, ‚surrogate carriers‚ oder ‚gestational carriers‘.“FAZ, 23. Juli 2026.
P.S. Sehr aufschlussreich ist die deutsche Übersetzung für: „Mother carriers“ bedeutet „mütterliche Überträgerinnen“ oder „Mütter als Konduktoren“ (in der Genetik). Der Begriff stammt meist aus der Medizin oder Genetik und beschreibt Mütter, die ein verändertes Gen (zum Beispiel für eine Erbkrankheit) in sich tragen und dieses an ihre Kinder weitergeben können, selbst wenn sie oft keine eigenen Krankheitssymptome zeigen. Im alltäglichen Kontext (ohne „s“) kann mother carrier auch schlicht „Mutter“ bedeuten, die ihr Kind trägt (wie eine Babytrage). 

«In Deutschland ist es fast schon dissident, dem politischen Gegner zuzuhören», sagt der Schweizer Regisseur Milo Rau

Im großen NZZ-Interview erzählt Milo Rau nochmal von der Debatte um die Ein- und Ausladung Peter Thiels bei den Wiener Festwochen. Er spricht sich für ein AfD-Verbot aus, glaubt aber stark daran, dass man den Dialog mit dem politischen Gegner aufrecht erhalten muss. Aus seinem durchgespielten Verbotsprozess gegen die AfD, den er am Hamburger Thalia Theater veranstaltete, zieht er drei Erkenntnisse: „Erstens: Um die Debatte ist es in Deutschland schlecht bestellt. Vor Jahren habe ich in Zürich einen ähnlichen Prozess gegen die Weltwoche veranstaltet, da war es ganz anders. Niemand stellte den Prozess grundsätzlich infrage, weil man ‚den Rechten keine Plattform geben darf‘. Man wollte kämpfen. Ebenso in Österreich. In Deutschland dagegen ist es fast schon dissident, dem politischen Gegner zuzuhören. Zweitens: Das Interesse war enorm, es gab Millionen von Klicks und Kommentaren. Kein Theaterprojekt in den letzten zwanzig Jahren hat auch nur annähernd so viel Aufmerksamkeit bekommen. Drittens: Die linksliberale Intelligenz ist den direkten Austausch mit der anderen Seite nicht mehr gewohnt. Viele waren total überrumpelt, in keiner Weise vorbereitet – so klar gingen sie davon aus, dass die Gegenseite Müll redet.“ https://www.nzz.ch/feuilleton/milo-rau-sieht-die-afd-bald-an-der-macht-wir-muessen-der-wirklichkeit-ins-auge-sehen-ld.10015798

18. Juli 2026

Ein Aktionsbündnis namens „Verlage gegen Rechts“ verteilt kostenlos die Broschüre „Rechtes Verlegen aufdecken“, geschrieben von der Bereichsleiterin Kunst und Kultur der Gewerkschaft ver.di. Darin werden Verlage und Buchhändler kaum verhohlen dazu aufgerufen, ideologisch nicht genehme Autoren, Bücher und Magazine zu boykottieren. Die Gewerkschafterin Mangold betont in der Broschüre den Wert der Meinungsfreiheit und erklärt, dass sie keine schwarze Liste erstellen und nicht zu einem „einfachen“ Boykott aufrufen wolle. Das sind jedoch leicht erkennbar bloße Lippenbekenntnisse zum Selbstschutz, denn die Broschüre nennt eine ganze Reihe Magazine und Verlage beim Namen und fordert die Adressaten auf zu prüfen, ob sie Meinungen der in der Broschüre beschriebenen Art verbreiten wollen. Bei einer Broschüre, die sich an Verlage und Buchhändler richtet, kommt das einem Boykottaufruf gleich.

Die Buchhändler werden darüber hinaus ausdrücklich aufgefordert, für sich zu prüfen, welche „rechtspopulistischen, antidemokratischen oder antiliberalen Inhalte, die es in größere Publikumsverlage schaffen“, sie nicht verkaufen wollen. Einige große Publikumsverlage werden namentlich genannt und an den Pranger gestellt, weil sie auch Bücher von rechten Autoren verbreiten würden. Buchhändler und andere werden aufgerufen, in solchen Fällen bei diesen Verlagen zu Protest. Quelle: https://norberthaering.de/propaganda-zensur/verlage-gegen-rechts/

16. Juli 2026

Hier ein interessanter Vorschlag zum Thema Demonstrationen und Gegendemonstrationen. Vielleicht würde dies zu einer inhaltlich besseren Auseinandersetzung führen…

„Gewaltfreier ziviler Ungehorsam kann legitim sein, auch wenn er nicht legal ist – so rechtfertigten kürzlich in der FAZ die Medienwissenschaftlerin Anne Gräfe und der Jurist Ralf Michaels die Blockade des AfD-Parteitags in Erfurt. Dagegen erhebt heute der Philosoph Klaus-Michael Kodalle Einwände. Dieses Demonstrationsrecht ist aufwändig (was die Polizeikräfte angeht), teuer und für die Bürger lästig, meint er und macht einen verwegenen Vorschlag: Vielleicht sollten die Gerichte das Prinzip der Gleichzeitigkeit überprüfen. „Wer gute Argumente in der politischen Auseinandersetzung vorzubringen hat und dafür demonstrieren möchte, kann dies auch beispielsweise einen Tag vor oder einen Tag nach dem Auftritt des politischen Gegners“ tun. Denn „entweder haben die Demonstranten etwas Wichtiges im öffentlichen Raum zu sagen, oder sie sind primär an der physischen Konfrontation mit einem politischen Gegner interessiert, den sie als Feind nicht nur ihrer politischen Auffassung und Haltung einstufen, sondern als Feind eines rechtsstaatlich verfassten Gemeinwesens bekämpfen. Sich nicht zeitgleich, sondern zeitnah im öffentlichen Diskurs und in der Rechtsprechung zu verständigen, wäre auch ein veritabler Versuch, die Basisthese von Carl Schmitt zu falsifizieren, die fundamentale Unterscheidung des Politischen sei die von Freund und Feind.“ (FAZ 16. Juli 2026).

Dazu passen gut diese Buchtipps: „Die Kunst, schwierige Gespräche zu meistern“

Peter Boghossian und James Lindsay haben mit „Die Kunst, schwierige Gespräche zu meistern“ von 2020 ein ungewöhnlich praktisches Handbuch vorgelegt: über 30 benannte Techniken, mit denen sich Gespräche über fundamental unterschiedliche Weltanschauungen führen lassen, ohne in Streit zu enden. Die zentrale These der Autoren lautet, dass echte Meinungsänderung seltener durch bessere Fakten und Argumente gelingt als durch aufrichtiges Zuhören und gezielte Fragen, die dem Gegenüber Raum geben, die eigene Position selbst zu hinterfragen. Dieses fesselnde Buch gehört zu den nützlichsten Werken zum Thema Gesprächsführung der letzten Jahre – klug, gut lesbar und stellenweise wissenschaftlich fundierter, als man es dem Genre zutraut. Zugleich zeigt es blinde Flecken gerade dort, wo man sie bei einem Buch über intellektuelle Redlichkeit am wenigsten erwarten würde. Eine Rezension von Michael Holmes auf den Nachdenkseiten vom 16. Juli 2026: https://www.nachdenkseiten.de/?p=153764

Asma Mhalla zeigt in „Cyberpunk“, wie im 21. Jahrhundert ein zweiköpfiges technopolitisches Herrschaftsmonster entsteht: ein neuer Leviathan aus politischer Inszenierung und technologischer Programmierung. Statt historischer Vergleiche nutzt sie die Bildwelt der Science-Fiction – von Blade Runner bis Matrix –, um den Umbau der Demokratie sichtbar zu machen. 
Asma Mhalla ist die Pariser Starintellektuelle der Stunde. Ihr Essay „Cyberpunk“ stand in Frankreich zuletzt monatelang auf der Bestsellerliste und erscheint nun auf Deutsch. Darin beschreibt sie auf bestechende Weise die politischen Entwicklungen unserer Zeit: Ein hybrides, technopolitisches Regime ist am Werk, das einerseits eine große Show inszeniert, während im Hintergrund das System programmiert wird. Sein Einfluss breitet sich still und leise global aus, gestaltet die Demokratie um und kolonisiert Körper wie Geist. Um den aktuellen Verfall der liberalen Demokratie zu verstehen, hilft laut Mhalla kein Rückgriff auf die 1920er- und 1930er-Jahre. Stattdessen führt sie uns in die dystopische Welt der Science-Fiction: in stahlharte technologische Gehäuse, in denen desillusionierte Individuen durch apokalyptische Städte irren und von hochzentralisierten Autoritäten mittels KI-Systemen gesteuert werden. Blade Runner und Matrix lassen grüßen.
 Asma Mhalla. Cyberpunk. CH Beck Verlag 2026, 16.-€

10. Juli 2026 

Wir haben in unseren DS–Phil.-Lit.–Gesprächsrunden schon häufiger diskutiert, wie wir mit den vielen Veränderungen und vor allem den massiven Verschlechterungen in den letzten Jahren in unserer politischen Kultur emotional umgehen. Maike Gosch hat sich auf den Nachdenkseiten dazu ebenfalls ein paar Gedanken gemacht die ich euch empfehlen möchte:

Kein Weg zurück – aber nach vorn. Eine Betrachtung von: Maike Gosch
„Vor Kurzem hörte ich in einem Instagram-Video den Satz einer Aktivistin: „We will never get our pre-Covid society back.“ („Wir werden die Gesellschaft, die wir vor Corona hatten, nie wieder zurückbekommen.“) Der Satz hängt mir seitdem nach, denn er machte mir klar, dass ich tatsächlich – mit einem Teil meines Herzens – unausgesprochen immer noch hoffe, dass es ein „Zurück“ gibt; dass wir ungeschehen machen können, aus der Welt schaffen können, was an Verletzungen (von Menschen) und Verwerfungen (der demokratischen Kultur) in diesen Jahren und den Jahren seitdem passiert ist. Aber es gibt keinen Weg zurück. Oder, wie der schöne Titel eines Thomas-Wolfe-Romans aus dem Jahr 1940 besagte: „You Can’t Go Home Again“. Wie können wir mit dieser Situation standhaft umgehen? 
Vorab zur Klarstellung: Das ist eine andere Frage als die nach einer möglichen Aufarbeitung der Corona-Zeit auf politischer und juristischer Ebene oder auch von Entschuldigungen und gesellschaftlicher Versöhnung. Auf beides warten wir immer noch, wenn wir auch vielleicht nicht mehr darauf hoffen.“ https://www.nachdenkseiten.de/?p=153543

9. Juli 2026:

„Große Grüne Mauer“ – China pflanzt 100 Milliarden Bäume, um die Wüstenbildung zu stoppen

Im Grunde genommen – und entgegen dem, was uns ein Großteil der Technologiebranche hinsichtlich der Notwendigkeit technokratischer Lösungen zur Bewältigung der Klimakrise weismachen will – sieht die Realität so aus, dass der Kampf gegen den Klimawandel und die Eindämmung der Wüstenbildung über das Pflanzen von Bäumen führen. Von vielen Bäumen.
Dies ist der Standpunkt Chinas, das am 1. Januar 1978 das „Three-North Shelterbelt Program“ [„Schutzgürtel der drei Norden“] ins Leben gerufen hat, um die Waldbedeckung im Norden des Landes auf einem Gebiet, das 13 Provinzen umfasst und sich über insgesamt mehr als 4 Millionen Quadratkilometer erstreckt, zu vergrößern. Dieser von der Kommunistischen Partei Chinas initiierte Plan soll bis 2050 abgeschlossen sein; bis dahin sollen 100 Milliarden Bäume entlang eines sich über etwa 4.500 Kilometer erstreckenden Gürtels gepflanzt worden sein, um degradierte Flächen wiederherzustellen. In den betroffenen Gebieten – wie am Rande der Taklamakan-Wüste – erreicht dieser Grüngürtel stellenweise eine Breite von mehr als einem Kilometer.
Quelle: https://www.pressenza.com/de/2026/07/grosse-gruene-mauer-china-pflanzt-100-milliarden-baeume-um-die-wuestenbildung-zu-stoppen/