„Im September verwandeln die Messe/Essen und die dortige NATO-Luftwaffen-Strategie-Schmiede die Stadt Essen in eine zentrale Plattform der Rüstung. Eine Messe ist eine Marketing-Veranstaltung, die Waren und Dienstleistungen mit Renditeabsicht zur Schau stellt. Bei Kriegswaffen geht es um Zerstörungs- und Tötungssysteme. Die Milliarden, die in das Geschäft des Krieges fließen, zerstören den Sozialstaat, das Bildungs- und Gesundheitssystem, die Natur und die Kultur. Von Bernhard Trautvetter. „Weltweit einzigartig“ sei die Essener zivil-militärische Doppelmesse plus NATO-Strategiekonferenz. Die Akteure legitimieren das Event im Austausch mit führenden NATO-Luft- und Raumfahrt-Strategen an einem Ort mit der „Zeitenwende“ durch die russische Gefahr, die zur Kriegstüchtigkeit nach Militärminister Scholz zu führen habe. Mit den beiden Begriffen bedienen sich die Akteure eines Nazi-Vokabulars, hier von ‚Reichspropagandaminister‘ Goebbels. (…) Bertolt Brecht brachte es in seinem Gedicht über Karthago auf den Punkt: „Das große Karthago führte drei Kriege. Es war noch mächtig nach dem ersten, noch bewohnbar nach dem zweiten. Es war nicht mehr auffindbar nach dem dritten.“
Dieses Risiko gehen Regierung, Industrie und Militärs sowie deren Strategen nicht nur in Essen ein. Die Friedensbewegung antwortet auf die Aktivitäten der Militärs und ihrer Lobby mit einer Friedenskonferenz am Samstag, dem 19. September, und einer überregionalen Friedensdemonstration am Sonntag, dem 20. September 2026. Details finden sichunter diesem Link“ (Im Artikel ganz unten). https://www.nachdenkseiten.de/?p=155507
Die Gesundheits“reform“, oder über die „Nichtwirksamkeit“ homöopathischer Mittel
Es gibt viel Kritik an den sogenannten Gesundheits“reformen“, die wie meistens nur Verschlechterungen sind zugunsten der „notwendigen“ Mehrausgaben für Rüstung (s.o.). Fast unterging die Streichung der homöopathischen Mittel – weil diese ja so eine geringe Dosierung hätten könnten sie ja gar nicht wirken. Wie der Zufall es wollte nehme ich derzeit eine Nahrungsmittelergänzung namens Gastritol, das einige Bitterstoffe enthält u.a. auch Enzian – bekannt aus dem gleichnamigen Schnaps. Im Beipackzettel ist zu lesen: „dass der Bitterstoffgehalt des Enzians besonders hoch ist: Ein Gramm des Extrakts verleiht unvorstellbaren 58.000 Litern Wasser immer noch einen bitteren Geschmack“. Entspricht der homöopathischen Potenz von D8-D9. Aha…
24. August
Das Neueste über Digitalisierung
Im GuardianbefürchtetTimothy Garton Ash nicht weniger als ein „KI–Hiroshima„: „Erst in den letzten Monaten sind von OpenAI, Anthropic und Meta entwickelte KI–Agenten aus ihren digitalen ‚Sandkästen‘ ausgebrochen und haben sich in externe Ressourcen im Internet gehackt. Bei der Vorbereitung ihres Angriffs auf das HuggingFace-KI-Repository bildeten die Agenten von OpenAI heimlich einen koordinierten ‚Schwarm‘ – so nennen sie es selbst, wie mir ChatGPT gerade bestätigt hat. Als das britische AI Security Institute das Mythos-Modell von Anthropic online testete, versuchte es, bösartigen Code in ein Open-Source-Projekt auf GitHub einzuschleusen, indem es gefälschte Online-Identitäten erstellte, um einen menschlichen Prüfer unter Druck zu setzen, den Code zu genehmigen. Kurz gesagt: Wie die Agenten einer skrupellosen ausländischen Macht werden diese KI-Agenten stehlen, lügen, schikanieren und erpressen, um ihre vorgegebenen Ziele zu erreichen.“ Perlentaucher v. 24. August 2026
Dazu passt diese Nachricht: Landraub der Serverfarmen
Im Manova-Gespräch mit Tom-Oliver Regenauer erläutert der Software-Ingenieur und Aktivist Hakeem Anwar, welche destruktiven Folgen große Rechenzentren für Mensch und Natur haben und wie sie das KI-Überwachungsnetzwerk vorantreiben.
„Ich frag mal die KI!“ Dieser Satz kommt seit Jahren tagtäglich über Millionen Lippen. Was sich kaum jemand fragt: Wo kommen die fragwürdigen Antworten der KI eigentlich her? Woher kommt das Ergebnis des auf Grund der Texteingabe „Gedachten“ — das, was letztlich das Endergebnis einer Rechenoperation ist? Wie es der Begriff es schon nahelegt — aus einem Rechenzentrum. Wer davon ausgeht, dass es sich bei einem solchen Datencenter lediglich um einen größeren Raum mit ein paar dutzend Server-Towers in einem Gewerbegebiet handelt, geht fehl. Bei genannten Rechenzentren handelt es sich um gigantische Server-Farmen, die in exorbitanten Mengen Ressourcen verschlingen und durch ihre unablässige Betriebslautstärke sämtliche Anwohner um den Schlaf bringen…(…) https://www.manova.news/artikel/landraub-der-serverfarmen
22. August 2026
Der Ökonom Thomas Piketty schlägt eine progressive globale Vermögenssteuer vor. Das Geld soll in einen Staatsfonds fließen, über den demokratisch entschieden wird.
Thomas Piketty hat mit dem World Inequality Lab kürzlich den Global Justice Report vorgelegt. Darin wird unter anderem vorgeschlagen, die Bekämpfung globaler Ungleichheit mit der Bewältigung des Klimawandels zu verknüpfen. Im Zentrum steht ein Global Justice Fund, der durch eine progressive globale Vermögensteuer für Multimilliardäre und besonders einkommensstarke Personen finanziert werden soll. „Geringere Ungleichheit eine Voraussetzung erfolgreicher Klimapolitik„, hält der Wirtschaftswissenschaftler Thomas Piketty im FR-Interview fest. Eine Milliardärssteuer käme auch grüner Politik zu Gute, denkt er: „Wenn man beispielsweise einfach eine allgemeine CO₂-Steuer erhebt, die alle gleichermaßen zahlen, empfinden viele Menschen das zu Recht als ungerecht. Menschen aus der unteren Mittelschicht haben nur begrenzten Einfluss auf Investitionsentscheidungen und Produktionstechnologien. Sie gehen in den Supermarkt und können versuchen, ihren Konsum zu verändern. Aber ihre Möglichkeiten sind begrenzt. Sehr wohlhabende Menschen dagegen besitzen große Vermögensportfolios und kontrollieren damit Investitionsentscheidungen. Deshalb tragen sie eine andere Verantwortung. Darum brauchen wir in vielen Bereichen stärkere öffentliche Kontrolle über große Investitionen. Eine Steuer auf Milliardäre soll nicht einfach nur Geld einnehmen und es anschließend ausgeben. Ein Teil dieser Vermögenswerte könnte in öffentliche Fonds überführt werden, damit demokratisch entschieden werden kann, wohin investiert wird – etwa in grüne Energie oder kohlenstoffarme Verkehrsinfrastruktur. Wir können Menschen mit sehr unterschiedlichen Vermögen nicht so behandeln, als befänden sie sich in derselben Lage.“ https://www.fr.de/kultur/gesellschaft/vermoegenssteuer-fuer-milliardaere-soll-weltweiten-klimafonds-finanzieren-94454756.html
8. August 2026:West-östliche Maulkorbpolitik
Der chinesische Künstler und Dissident Ai Weiwei sieht in seiner Heimat ebenso wie im Westen ähnliche Zensurpraktiken am Werk. Von Roland Rottenfußer
„Heute weisen die in der ‚freien‘ Welt vorherrschenden Zensurmechanismen auffällige Ähnlichkeiten mit denen autoritärer Regime auf.“ So der weltbekannte Aktionskünstler und Exilchinese. Das Gute an Ai Weiwei ist, dass er von keiner Seite zu vereinnahmen, für keines der Lager bequem ist. Anstatt als Vorzeige-Dissident zu dienen, der durch China-Kritik die Überlegenheit des westlichen Demokratie-Entwurfs beweisen könnte, greift er die Praktiken der De-facto-Zensur auch in Deutschland harsch an. Andererseits kommen bei Ai Weiwei auch chronische China-Apologeten, die selbst berechtigte Kritik an Xi Jinpings „chinesischem Traum“ als Propaganda des Westens abkanzeln, nicht auf ihre Kosten. Wenn er schreibt „Es ist wie in China“, dann identifiziert er damit seine Heimat als Goldstandard in Sachen Unterdrückungsmaßnahmen. Ai Weiwei ist aber kein Feind dieses oder jenes Landes, er ist ein leidenschaftlicher Gegner jeder Form der Meinungsunterdrückung, die einem für ein Gemeinwesen tödlichen Würgegriff gleichkommt. In seinem neuen Buch „Über Zensur“ deutet er diese als logische Begleiterscheinung von Machtsystemen, die sich ihrer selbst unsicher sind.
Durch Orkan zerstörtes Kunstwerk von Ai Weiwei auf der Documenta Kassel 2014 (Foto: (c) WSch)
4. August 2026 Bildungsunterschiede…(k)eine Überraschung?
Eine Studie der Universität Konstanz offenbart, dass Schüler auf dem Gymnasium eher zu linken und bürgerlichen Parteien tendieren, während Schüler aller anderen Schulformen die AfD gut finden, resümiert Alan Posener in der Welt. Dabei sei klar: Kinder auf dem Gymnasium kommen eher aus wohlhabenderen Haushalten, Schüler anderer Schulformen nicht. Es liege also nicht am Mangel an Aufklärung in der Schule, so Posener, „wenn Kinder aus kleinen und prekären Verhältnissen Zuwanderer nicht als Bereicherung, sondern als Konkurrenten um Aufmerksamkeit in der Schule und später um Jobs, Wohnungen, Aufmerksamkeit und Sozialleistungen erleben. (…) Die ganze Hilflosigkeit des Bildungsbürgertums angesichts solcher Ergebnisse offenbart die Stellungnahme der Studienautoren“, die mehr politische Bildung an nicht-gymnasialen Schulen fordern. „Nichts dagegen. Aber wenn das darauf abzielt, den Kindern der Unterprivilegierten einzureden, sie sähen die Welt falsch, die Kinder der Privilegierten hingegen richtig, also auf ideologischen Klassenkampf von oben, so haben die Autoren ihre eigene Studie nicht verstanden.“ https://idw-online.de/en/news875268
Für alle die wissen möchten was wirklich passiert ist und die Geschichte des Deutschlandliedes in der DDR nachlesen möchten.. Der Fall Uwe Steimle zeigt, wie unterschiedlich Deutschland bis heute Sprache, Satire und Erinnerung versteht. Ein Strafverfahren beginnt gewöhnlich mit einem Anfangsverdacht. Ein öffentlicher Skandal beginnt anders. Er beginnt mit Bildern, Symbolen, Überschriften und der Reihenfolge, in der ein Ereignis erzählt wird. Wer verstehen will, weshalb aus einem Kulturabend in Dessau-Roßlau binnen weniger Stunden ein bundespolitischer Fall wurde, darf deshalb nicht allein auf zwei Sätze des Kabarettisten Uwe Steimle schauen. Er muss den ganzen Abend sehen, die Bühne, die Rollen, das Thema Frieden, die politische Umgebung, die Reaktionen des Publikums, das gemeinsame Singen zweier deutscher Hymnen und schließlich die mediale Dramaturgie, die aus diesen Elementen eine einzige, hoch aufgeladene Erzählung formte. Quelle: https://globalbridge.ch/zwischen-den-zeilen-liegt-ein-anderes-land/
30. Juli 2026
Nachtrag zum Thema Patriarchat, Manosphere und Tradwives
taz-Kolumnist Robert Misik erinnert an die drei Sozialforscherinnen Marie Jahoda, Else Frenkel-Brunswik und Käthe Leichter, die allesamt von Wien in die USA emigrierten und zu den Studien über den „autoritären Charakter“ beitrugen: Frenkel-Brunswik etwa untersuchte „die ‚Etablierung von Männlichkeit beim Jungen‘, das häufige Zurschaustellen ‚von Härte und Rücksichtslosigkeit‘ bei jungen Männern und den Zusammenhang dieser Eigenschaften mit antidemokratischen Gesinnungen. Es scheint so, als hätte sie Figuren der Manosphere und ‚Tradwives‘ prophezeit.“ Sie hat auch den Begriff der „Ambiguitätsintoleranz“ geprägt. https://taz.de/schlagloch/!6199688/
27.-29.Juli 2026
Die Waldbrände und ihre Ursachen im Süden Europas
Gerade kommt die vergleichsweise gute Nachricht im Radio: Die Brände in Südfrankreich rund um Bordeaux sind gestoppt. Das heisst nicht, dass sie überall aufgehört haben, aber sie breiten sich nicht mehr aus. Wir kennen fast alle Stellen an denen es gerade brennt durch unsere Urlaube in Südfrankreich: die Atlantik von Lacanau bis zur Dune de Pila. In Bordeaux haben wir vor einigen Jahren ein wunderbares Feuerwerk erleben dürfen am 14. Juli. Es ist eine wunderschöne Stadt und eine erneute Reise wert. Das Weinanbaugebiet rund um Bordeaux wurde vom Feuer weitgehend verschont. Erst vor kurzem waren wir in Valras-Plage in der Nähe von Beziers auf einem Campingplatz direkt am Mittelmeer, wo es schon Ende Mai um die 30 Grad warm war. Mit wahlweise Baden im Meer und Baden im Pool sind diese Temperaturen gut zu ertragen. Aber die eigentliche Urlaubszeit ist jetzt – vom 14. Juli bis Ende August fährt ganz Frankreich in Urlaub. Jedenfalls alle, die es sich noch leisten können. Vor langer Zeit haben wir mal in der Ardèche sehen können wie Flugzeuge Wasser auftanken – ein halsbrecherisches Manöver, dass ständig geübt werden muss. Wir sahen im Urlaub täglich Wasserflugzeuge die dies übten: Brände von oben zu löschen. Was derzeit besonders schwierig ist aufgrund der besonderen Wetterlage durch die Brände. Petra Ahne erklärt in einem Artikel in der FAZ vom 29. Juli den jetzt in Frankreich kursierenden Begriff „Pyrocumulonimbus“, „über den Flammen entstehende, alles noch schlimmer machende Gewitterwolken“.
Dazu passt diese Meldung (Frankreich, Spanien und Portugal sind eben nicht die Ukraine):
“Service minimum” bei EU-Hilfe gegen Waldbrände – Sanktionen schaden
Die Waldbrände bei Bordeaux und Madrid schlagen alle Rekorde. Spanien hat den Notstand ausgerufen, in Frankreich jadt eine Krisensitzung die nächste. Da ist auch die EU an vorderster Front, sollte man meinen. Doch weit gefehlt. Die Helfer aus Brüssel machen “service minimum”, wie man in Frankreich sagt – nur das Nötigste. Zwar wurde das Krisenreaktionszentum ERCC aktiviert, es hat auch Löschflugzuge geschickt. Doch die kommen nicht von “der EU”, wie es immer heißt, sondern aus den Mitgliedsstaaten. Von “der EU” hat sich auch noch niemand in den Katastrophengebieten blicken lassen. Die zuständige Kommissarin Lahbib hat zwei Tweets abgesetzt, das war’s. Was die Helfer in Frankreich und Spanien noch mehr empört: Der bei Waldbränden bewährte, russische Kamov Ka-32 Helikopter kann nicht eingesetzt werden – wegen EU-Sanktionen, die die Wartung verhindert haben. Ein Skandal! Wütend sind die Helfer auch in Portugal. Sie haben ihre durch die EU-Sanktionen lahm gelegten russischen Hubschrauber großzügig an die Ukraine gespendet – und stehen nun mit einem ausgedünnten Arsenal da… Quelle: https://lostineu.eu/service-minimum-bei-eu-hilfe-gegen-waldbraende-sanktionen-schaden/
Und was extrem schädlich ist in Südfrankreich sind die Kiefernplantagen, die sich Wald nennen. Angelegt vor 200 Jahren von Napoleon für seine Flotte, heute Arbeitsgrundlage der Holzindustrie. Diese wehrt sich dagegen einen richtigen Mischwald anzulegen – und hat damit Erfolg. Aber am Ende ist es doch der Klimawandel, der wieder für alles herhalten muss.
„Dass es in Spanien brennt hat nicht nur mit dem Klimawandel, sondern auch mit Monokulturen und der Entvölkerung des Landes in weiten Landstrichen zu tun, erklärt FAZ-Korrespondent Hans-Christian Rößler im Leitartikel der Zeitung: „Auf die Halbinsel entfielen im vergangenen Jahr zwei Drittel der in der gesamten EU verbrannten Fläche. Besonders in Spanien werden die Wälder ein Raub der Flammen, weil die Menschen nicht mehr da sind, die sie pflegen. Es fehlen die Bauern, die unter den Bäumen ihr Vieh weiden lassen und dadurch die Wälder sauber machen. Auch die ungenutzten Weiden und Äcker verbuschen. Die Landwirte werden älter, immer mehr geben auf. Spaniens Mitte ist bereits ausgeblutet, mehr als 60 Prozent des Landes sind zu einer demografischen Wüste geworden.“
Skulpturenpark Waldfrieden – was ist skulpturales Denken?
Heute waren wir wieder mit Freund*innen in der Tony Cragg Foundation Waldfrieden. Es ist immer wieder ein beeindruckender Ort. Cragg ist Bildhauer, lebt in Wuppertal und hat einen fantastischen Skulpturenpark mitten im Wald geschaffen. Es finden dort Ausstellungen statt – meistens von anderen Bildhauern. Manchmal aber auch Konzerte, Lesungen – sogar ein Philosophischer Spaziergang wird angeboten. Was haben die ausgestellten Werke mit Philosophie zu tun? Eine Menge. In einem kleinen Katalog hat Cragg selber beschrieben was für ihn skulpturales Denken bedeutet und das er dies gerne auf andere Lebensbereiche übertragen möchte. Wenn ich eine Skulptur – insbesondere seine aber auch die meisten anderen – nur von einer Seite sehe, habe ich auch nur einen einseitigen Eindruck davon, der sich völlig verändern kann, wenn ich die Skulptur von einer anderen Seite betrachte oder in sie hineingehen kann. Dazu kommen weitere Facetten: etwa das Licht, sind im Wald Blätter an den Bäumen oder noch nicht. Die Bäume wirken dann wie eine Unterstreichung der skulpturalen Formensprache. Liegt Schnee auf der Skulptur oder Teilen davon, usw. In diesem Sinne wäre also skulpturales Denken eine Erweiterung der bisherigen oftmals sehr einseitigen Wahrnehmungen und den vielen Einschränkungen im eingeschränkt rationalen Denken. Ich kann mir vorstellen, dass es viele weitere Arten des Denkens gibt, auch abhängig von Berufen und Tätigkeiten. Diesmal war die Einzelausstellung allein sehens-, genauer erlebenswert: Rebecca Horn (1944-2024), eine Performancekünstlerin, Videomacherin und Erneuerin der kinetischen Kunst. Traumschöne Kunst, zum Teil politisch und immer wieder eine Anregung zum Nachdenken und Austauschen. https://skulpturenpark-waldfrieden.de
Skulptur von Tony Cragg in Wuppertal (Foto (c) WSch)
24. Juli 2026
Uta Böttcher ist Diplom-Geologin, ihr Spezialgebiet ist die Hydrogeologie. Sie erklärt sehr gut,wie Messungen überhaupt gemacht werden, was sich seit 150 Jahren verändert hat – z.B. stand vor 150 Jahren noch der Emscherwald in der Braubauerschaft in Gelsenkirchen –Süd. Und natürlich ist es im Wald im Hochsommer 8-10 Grad kühler. Und was vergleichen wir eigentlich,wir, wenn Temperaturen aus früheren Zeiten den heutigen gegenüber gestellt werden? Ist dann beispielsweise die Verstädterung herausgerechnet – oder einfach stillschweigend eingerechnet? Hochspannend zu lesen.
Jenseits von Hitze-Panik: Inwiefern steigen die Temperaturen wirklich?
„Das „Klima-Michel-Modell“ ermittelt in Deutschland die gefühlte Temperatur und sorgt regelmäßig für dunkelrot gefärbte Wetterkarten. Doch was sagen verlässliche Messungen über die Entwicklung der globalen Temperaturen der vergangenen Jahrzehnte wirklich? Gibt es einen Anstieg und wenn ja, um wieviel Grad? Sommer in Deutschland, und in ARD und ZDF werden die Wetterkarten wieder flächendeckend dunkelrot bis violett. Vorwurfsvoll, ja fast schon mit Genugtuung, wird dem Zuschauer mitgeteilt: Da habt Ihr’s! Nun müsst Ihr zurechtkommen mit Eurem selbstverschuldeten Klimawandel. Diese Farbgebung ist natürlich nur zu unserem Besten. Sie wird bewusst so gewählt, weil – so die Begründung – im Zuge des Klimawandels häufiger Werte jenseits der 35 °C erreicht werden und die Farbpalette eine Schutzfunktion erfüllen muss: Aufgrund der Übersterblichkeit bei Hitze soll sofort sichtbar werden, dass wir es mit einer Gefahr für Leib und Leben zu tun haben. Auf diese Weise wird schon bei moderaten Sommertemperaturen von 28 °C mit flächendeckend tiefroten Farben ein psychologischer Daueralarm erzeugt. Diese in ARD und ZDF gezeigten Temperaturkarten basieren zum einen auf realen Messdaten – es wird die physikalische Lufttemperatur in zwei Metern Höhe im Schatten gemessen – und zum anderen auf meteorologischen Vorhersagemodellen.“ https://www.achgut.com/artikel/jenseits_von_Hitze_Panik_inwiefern_steigen_die_temperaturen_wirklich
23. Juli 2026
Leihmutterschaft – jenseits der Affäre Spahn
Wir kommen den Science-Fiction- Romanen immer näher, die Werner und ich in den letzten Jahren gelesen haben, z.B. „Helix – sie werden uns ersetzen“ von Marc Elsberg. (Eine leider viel zu stark reduzierte Verfilmung lief gerade im TV). Darin geht es um die genaue „Bestellung“ des Kinderwunsches Aussehen, Intelligenz uva betreffend. Im Mittelpunkt stehen Designerbabys, gentechnische Veränderungen und die ethischen Grenzen der modernen Wissenschaft. Aber worum geht es bei der Leihmutterschaft? In der Debatte über das Leihmutter-Baby von Jens Spahn ist die «Spenderin» der Eizelle kein Thema. Ein Erfolg der Lobby, denn Jens Spahn und sein Ehemann Daniel Funke haben eine Frau in den USA dafür bezahlt, dass sie ein Kind für sie austrägt. Dafür wurde der Leihmutter die Eizelle einer anderen Frau eingepflanzt, die zuvor im Reagenzglas mit dem Samen von Funke befruchtet worden war. In der Berichterstattung wurde die Eizelle meist nur erwähnt, damit klar ist, dass die Leihmutter keine biologische Verwandtschaft mit dem Baby und damit keine Rechtsansprüche hat. „Bei Leihmutterschaft wird immer wieder der Vorwurf erhoben, sie beute arme Frauen aus. Und tatsächlich dürfte es nur wenige wohlhabende Frauen geben, die sich aus altruistischen Gründen dazu entschließen, ein Kind für ein anderes Paar auszutragen. In den USA hat sich die Reproduktionsmedizin inzwischen zu einer kommerziellen Dienstleistungsindustrie entwickelt, wo Aussehen, gute Noten oder sportliche Erfolge den Preis für eine Eizellspende bestimmen, berichtet Frauke Steffens in der FAZ. „Ein Gesetz, das deren Auswahl nach Aussehen, Bildung oder ethnischer Herkunft verbieten würde, existiert nicht. Auch die befruchteten Eizellen können später mit Präimplantationsdiagnostik und genetischen Testsselektiert werden – viele Agenturen und Kliniken werben explizit damit. Die freie Auswahl wird gern als Ausdruck reproduktiver Autonomie beschrieben. Kritiker sehen darin eine Form von Eugenik.“ Dazu kommt noch, dass viele Frauen seit Abschaffung des Rechts auf Abtreibung in vielen Bundesstaaten gar keine andere Wahl haben, als das Kind auszutragen. Was das für die Frauen genau bedeutet, macht schon die Wortwahl klar, so Steffens. So spreche man in den USA längst nicht mehr von „surrogate mothers“, also Leihmüttern: „Gesetzestexte oder auch die Werbung von Agenturen und Ärzten handeln stattdessen von ’surrogates‘, ‚surrogate carriers‚ oder ‚gestational carriers‘.“FAZ, 23. Juli 2026. P.S. Sehr aufschlussreich ist die deutsche Übersetzung für: „Mother carriers“ bedeutet „mütterliche Überträgerinnen“ oder „Mütter als Konduktoren“ (in der Genetik). Der Begriff stammt meist aus der Medizin oder Genetik und beschreibt Mütter, die ein verändertes Gen (zum Beispiel für eine Erbkrankheit) in sich tragen und dieses an ihre Kinder weitergeben können, selbst wenn sie oft keine eigenen Krankheitssymptome zeigen. Im alltäglichen Kontext (ohne „s“) kann mother carrier auch schlicht „Mutter“ bedeuten, die ihr Kind trägt (wie eine Babytrage).
«In Deutschland ist es fast schon dissident, dem politischen Gegner zuzuhören», sagt der Schweizer Regisseur Milo Rau
Im großen NZZ-Interview erzählt Milo Rau nochmal von der Debatte um die Ein- und Ausladung Peter Thiels bei den Wiener Festwochen. Er spricht sich für ein AfD-Verbot aus, glaubt aber stark daran, dass man den Dialog mit dem politischen Gegner aufrecht erhalten muss. Aus seinem durchgespielten Verbotsprozess gegen die AfD, den er am Hamburger Thalia Theater veranstaltete, zieht er drei Erkenntnisse: „Erstens: Um die Debatte ist es in Deutschland schlecht bestellt. Vor Jahren habe ich in Zürich einen ähnlichen Prozess gegen die Weltwoche veranstaltet, da war es ganz anders. Niemand stellte den Prozess grundsätzlich infrage, weil man ‚den Rechten keine Plattform geben darf‘. Man wollte kämpfen. Ebenso in Österreich. In Deutschland dagegen ist es fast schon dissident, dem politischen Gegner zuzuhören. Zweitens: Das Interesse war enorm, es gab Millionen von Klicks und Kommentaren. Kein Theaterprojekt in den letzten zwanzig Jahren hat auch nur annähernd so viel Aufmerksamkeit bekommen. Drittens: Die linksliberale Intelligenz ist den direkten Austausch mit der anderen Seite nicht mehr gewohnt. Viele waren total überrumpelt, in keiner Weise vorbereitet – so klar gingen sie davon aus, dass die Gegenseite Müll redet.“ https://www.nzz.ch/feuilleton/milo-rau-sieht-die-afd-bald-an-der-macht-wir-muessen-der-wirklichkeit-ins-auge-sehen-ld.10015798
Die Buchhändler werden darüber hinaus ausdrücklich aufgefordert, für sich zu prüfen, welche „rechtspopulistischen, antidemokratischen oder antiliberalen Inhalte, die es in größere Publikumsverlage schaffen“, sie nicht verkaufen wollen. Einige große Publikumsverlage werden namentlich genannt und an den Pranger gestellt, weil sie auch Bücher von rechten Autoren verbreiten würden. Buchhändler und andere werden aufgerufen, in solchen Fällen bei diesen Verlagen zu Protest. Quelle: https://norberthaering.de/propaganda-zensur/verlage-gegen-rechts/
16. Juli 2026
Hier ein interessanter Vorschlag zum Thema Demonstrationen und Gegendemonstrationen. Vielleicht würde dies zu einer inhaltlich besseren Auseinandersetzung führen…
„Gewaltfreier ziviler Ungehorsam kann legitim sein, auch wenn er nicht legal ist – so rechtfertigten kürzlich in der FAZ die Medienwissenschaftlerin Anne Gräfe und der Jurist Ralf Michaels die Blockade des AfD-Parteitags in Erfurt. Dagegen erhebt heute der Philosoph Klaus-Michael Kodalle Einwände. Dieses Demonstrationsrecht ist aufwändig (was die Polizeikräfte angeht), teuer und für die Bürger lästig, meint er und macht einen verwegenen Vorschlag: Vielleicht sollten die Gerichte das Prinzip der Gleichzeitigkeit überprüfen. „Wer gute Argumente in der politischen Auseinandersetzung vorzubringen hat und dafür demonstrieren möchte, kann dies auch beispielsweise einen Tag vor oder einen Tag nach dem Auftritt des politischen Gegners“ tun. Denn „entweder haben die Demonstranten etwas Wichtiges im öffentlichen Raum zu sagen, oder sie sind primär an der physischen Konfrontation mit einem politischen Gegner interessiert, den sie als Feind nicht nur ihrer politischen Auffassung und Haltung einstufen, sondern als Feind eines rechtsstaatlich verfassten Gemeinwesens bekämpfen. Sich nicht zeitgleich, sondern zeitnah im öffentlichen Diskurs und in der Rechtsprechung zu verständigen, wäre auch ein veritabler Versuch, die Basisthese von Carl Schmitt zu falsifizieren, die fundamentale Unterscheidung des Politischen sei die von Freund und Feind.“ (FAZ 16. Juli 2026).
Dazu passen gut diese Buchtipps: „Die Kunst, schwierige Gespräche zu meistern“
Peter Boghossian und James Lindsay haben mit „Die Kunst, schwierige Gespräche zu meistern“ von 2020 ein ungewöhnlich praktisches Handbuch vorgelegt: über 30 benannte Techniken, mit denen sich Gespräche über fundamental unterschiedliche Weltanschauungen führen lassen, ohne in Streit zu enden. Die zentrale These der Autoren lautet, dass echte Meinungsänderung seltener durch bessere Fakten und Argumente gelingt als durch aufrichtiges Zuhören und gezielte Fragen, die dem Gegenüber Raum geben, die eigene Position selbst zu hinterfragen. Dieses fesselnde Buch gehört zu den nützlichsten Werken zum Thema Gesprächsführung der letzten Jahre – klug, gut lesbar und stellenweise wissenschaftlich fundierter, als man es dem Genre zutraut. Zugleich zeigt es blinde Flecken gerade dort, wo man sie bei einem Buch über intellektuelle Redlichkeit am wenigsten erwarten würde. Eine Rezension von Michael Holmes auf den Nachdenkseiten vom 16. Juli 2026: https://www.nachdenkseiten.de/?p=153764
Asma Mhalla zeigt in „Cyberpunk“, wie im 21. Jahrhundert ein zweiköpfiges technopolitisches Herrschaftsmonster entsteht: ein neuer Leviathan aus politischer Inszenierung und technologischer Programmierung. Statt historischer Vergleiche nutzt sie die Bildwelt der Science-Fiction – von Blade Runner bis Matrix –, um den Umbau der Demokratie sichtbar zu machen. Asma Mhalla ist die Pariser Starintellektuelle der Stunde. Ihr Essay „Cyberpunk“ stand in Frankreich zuletzt monatelang auf der Bestsellerliste und erscheint nun auf Deutsch. Darin beschreibt sie auf bestechende Weise die politischen Entwicklungen unserer Zeit: Ein hybrides, technopolitisches Regime ist am Werk, das einerseits eine große Show inszeniert, während im Hintergrund das System programmiert wird. Sein Einfluss breitet sich still und leise global aus, gestaltet die Demokratie um und kolonisiert Körper wie Geist. Um den aktuellen Verfall der liberalen Demokratie zu verstehen, hilft laut Mhalla kein Rückgriff auf die 1920er- und 1930er-Jahre. Stattdessen führt sie uns in die dystopische Welt der Science-Fiction: in stahlharte technologische Gehäuse, in denen desillusionierte Individuen durch apokalyptische Städte irren und von hochzentralisierten Autoritäten mittels KI-Systemen gesteuert werden. Blade Runner und Matrix lassen grüßen. Asma Mhalla. Cyberpunk. CH Beck Verlag 2026, 16.-€
10. Juli 2026
Wir haben in unseren DS–Phil.-Lit.–Gesprächsrunden schon häufiger diskutiert, wie wir mit den vielen Veränderungen und vor allem den massiven Verschlechterungen in den letzten Jahren in unserer politischen Kultur emotional umgehen. Maike Gosch hat sich auf den Nachdenkseiten dazu ebenfalls ein paar Gedanken gemacht die ich euch empfehlen möchte:
Kein Weg zurück – aber nach vorn. Eine Betrachtung von: Maike Gosch „Vor Kurzem hörte ich in einem Instagram-Video den Satz einer Aktivistin: „We will never get our pre-Covid society back.“ („Wir werden die Gesellschaft, die wir vor Corona hatten, nie wieder zurückbekommen.“) Der Satz hängt mir seitdem nach, denn er machte mir klar, dass ich tatsächlich – mit einem Teil meines Herzens – unausgesprochen immer noch hoffe, dass es ein „Zurück“ gibt; dass wir ungeschehen machen können, aus der Welt schaffen können, was an Verletzungen (von Menschen) und Verwerfungen (der demokratischen Kultur) in diesen Jahren und den Jahren seitdem passiert ist. Aber es gibt keinen Weg zurück. Oder, wie der schöne Titel eines Thomas-Wolfe-Romans aus dem Jahr 1940 besagte: „You Can’t Go Home Again“. Wie können wir mit dieser Situation standhaft umgehen? Vorab zur Klarstellung: Das ist eine andere Frage als die nach einer möglichen Aufarbeitung der Corona-Zeit auf politischer und juristischer Ebene oder auch von Entschuldigungen und gesellschaftlicher Versöhnung. Auf beides warten wir immer noch, wenn wir auch vielleicht nicht mehr darauf hoffen.“ https://www.nachdenkseiten.de/?p=153543
9. Juli 2026:
„Große Grüne Mauer“ – China pflanzt 100 Milliarden Bäume, um die Wüstenbildung zu stoppen
Im Grunde genommen – und entgegen dem, was uns ein Großteil der Technologiebranche hinsichtlich der Notwendigkeit technokratischer Lösungen zur Bewältigung der Klimakrise weismachen will – sieht die Realität so aus, dass der Kampf gegen den Klimawandel und die Eindämmung der Wüstenbildung über das Pflanzen von Bäumen führen. Von vielen Bäumen. Dies ist der Standpunkt Chinas, das am 1. Januar 1978 das „Three-North Shelterbelt Program“ [„Schutzgürtel der drei Norden“] ins Leben gerufen hat, um die Waldbedeckung im Norden des Landes auf einem Gebiet, das 13 Provinzen umfasst und sich über insgesamt mehr als 4 Millionen Quadratkilometer erstreckt, zu vergrößern. Dieser von der Kommunistischen Partei Chinas initiierte Plan soll bis 2050 abgeschlossen sein; bis dahin sollen 100 Milliarden Bäume entlang eines sich über etwa 4.500 Kilometer erstreckenden Gürtels gepflanzt worden sein, um degradierte Flächen wiederherzustellen. In den betroffenen Gebieten – wie am Rande der Taklamakan-Wüste – erreicht dieser Grüngürtel stellenweise eine Breite von mehr als einem Kilometer. Quelle: https://www.pressenza.com/de/2026/07/grosse-gruene-mauer-china-pflanzt-100-milliarden-baeume-um-die-wuestenbildung-zu-stoppen/
Die Nächste Werkstatt findet im „Schloss Stolzenfelz“ in der Gelsenkirchener Ahstraße 10 statt, am
Dienstag, 27. August 2024, um 18 Uhr
Dies ist ein Test. Sollte es möglich sein, dort auch zu arbeiten, werden wir uns zukünftig einmal im Monat an diesem Ort treffen. Neue Teilnehmer*innen sind jederzeit willkommen.
Weshalb wir unseren Qualitätsmedien nicht mehr glauben
Die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) hat sich in einem Beitrag sehr dezidiert mit unseren „Qualitätsmedien“ befasst. Und – wie wir schon seit Jahren – den Begriff „Lückenpresse“ für sie verwendet. Als ehemals aktiver Journalist verwende ich (Wsch) ihnb, weil mir auffiel, das der AfD-Kampfbegriff „Lügenpresse“ in der Regel nicht zutrifft. Unsere (be)herrschenden Mainstreammedien lügen selten direkt. Aber die Manipulation mit Halbwahrheiten, gezielten Auslassungen und Tatsachenverdrehungen hat ein Ausmaß erreicht, das Donald Trump vor Neid erblassen lassen müsste. Hier der Link zum lesenswerten NZZ-Beitrag, für alle, die immer noch an eine, wie auch immer geartete, Form von Obvjektivität „unserer Qualitätsmedien“ glauben:
Zum Inhalt des Artikels gleich noch ein Paradebeispiel
„Weiterer Teil der Carolabrücke in Dresden eingestürzt“ schlagzeilte die Welti heute morgen
ebenso, wie einige andere „Qualitätsmedien“. Auch das angeblich so investigative „Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND)“ konnte der Versuchung zum schnellen Klick generieren nicht wiederstehen: „Weiterer Abschnitt eingestürzt: Strang der Carolabrücke in Dresden soll komplett abgerissen werden“ii. Bei all diesen Schlagzeilen, bei denen es ausschließlich darum geht, die Aufmerksamkeit der Leser*innen für das schnelle Anklicken der Seite zu wecken, wurde assoziiert, das der Brückenteil von selbst eingestürzt sei. Tatsächlich wurde er bei Abrissarbeiten gezielt zum Einsturz gebracht. Aber das hätte kaum jemand interessiert…
Und dieses unsägliche Klicksammeln mit halbwahren Schlagzeilen grassiert im Internet.
Zur Perfektion gebracht hat dies „Der Westen“, das Online-Portal der Funke Mediengruppe. Ihm ist keine Verdrehung zu schade, in der Hoffnung, möglichst viele Klicks (ist gleich: höhere Werbeeinnahmen) zu erzielen.
Jeder halbwegs vernunftbegabte Mensch denkt dabei: Whatsapp gibt es nicht mehr lange. Tatsächlich erfährt man im Text – natürlich erst nach dem Klick auf die halbwahre Schlagzeile -: „Für User, die den Messenger-Dienst über ihren Mac nutzen, wird sich allerdings bald etwas ändern. Wollen sie weiterhin Nachrichten auf ihrem Gerät verschicken, müssen sie eine neue App installieren.“ Die Schlagzeile ist also nicht direkt gelogen – und doch nicht wahr. Solche eindeutigen Manipulationen kann man praktisch täglich in den Schlagzeilen von „Der Westen“ finden. Dabei ist das letztlich kontraproduktiv, nicht nur für dieses Medienhaus: Spätestens, wenn man zum 4. mal auf eine derartige Manipulation hereingefallen ist, klickt man – wie Marit und ich – auf keine einzige Schlagzeile mehr dieses ehrenwerten Hauses und „Qualitätsmediums“.
25.08.2024 Schlagzeilen um 11 Uhr 45, alle auf newstral.de
Spiegel
„Hisbollah unternimmt Großangriff – Israel verhängt Ausnahmezustand“
Tagesschau
„Hisbollah greift Israel an: „Erste Phase der Vergeltung beendet“.“
Erst weit im Text erfährt man, wie bei allen anderen auch:: Israelische Kampfflugzeuge hatten kurz zuvor (Hervorhebung d.A.) Ziele im Libanon getroffen und die Hisbollah angegriffen – etwa 100 Jets waren laut israelischer Armee daran beteiligt.
Focus
„Erste Reaktion“ auf Tötung Shukrs. Spektakuläre Aufnahmen zeigen Raketenangriff der Hisbollah auf Israel“
Tagesspiegel
„Zweitägiger Ausnahmezustand ausgerufen: Hisbollah startet Großangriff auf Israel mit hunderten Raketen“
Lückenpresse meint: Nie direkt Lügen, aber stets mit Halbwahrheiten, Auslassungen, Verdrehungen oder Verfälschungen arbeiten und so die Meinungen manipulieren. Das Israel zuerst mit über 100 JAGDFLUGZEUGEN den Süden Libanons und die Hisbollah angriff, erfährt man bei allen nur, wenn man den ganzen Text liest. Was in den heutigen Zeiten der Schlagzeilen-Klick-Information meist nicht geschieht.
Airbnb ist toll und easy (so die Eigenwerbung), aber offenbar nur, so lange es keine Probleme gibt
Vorbemerkung: Nachfolgender (wohl selbsterklärender) Text ist der Xte, der in dieser Sache an Airbnb in deren System gepostet wurde – ohne Erfolg und Problemlösung…
„Hallo,
ich habe die Nase inzwischen gestrichen voll. Von Euren automatisierten Verfahren, von Eurem Support der keine Hilfe darstellt und von der gestohlenen Lebenszeit mit x Anfragen, die nicht beantwortet werden.
So warte ich seit Tagen vergeblich auf eine zugesagte Nachricht eines Airbnb-Mitarbeiters namens „Christian W.“ in der Sache Ramadan.
Hier zum x-ten Male der bereits schriftlich und telefonisch erfolglos geschilderte Sachverhalt:
Herr Ramadan buchte völlig kurzfristig gg. 16 uhr am 28. Juni mit einer Begleitung für 2 Tage. Trotz erheblicher Bedenken wg. der Kurzfristigkeit sagte ich zu, nachdem Herr R. Erklärte, er habe bereits bezahlt und stehe praktisch schon vor der Tür.
Tatsächlich kam er erst 2 Stunden später, kurz vor 18 Uhr, als ich mit Nachbarn beim Grillen saß. Von da an hielt er mich nur auf Trab.
Zunächst musste mein Mann ein Zusatz-Luftbett aus dem Keller holen – wohin ihm, wie vorher auch in die Privatwohnung, beide Gäste ungebeten folgten. Er half beim Aufpumpen. Gegen 19 Uhr erschien Herr R. beim Grillen und erklärte im Beisein eines Nachbarn, ob er stornieren könne, er habe einen Anruf aus Berlin erhalten und müsse dort noch heute hin.
Ich erklärte, dass er dann aber eine Nacht bezahlen müsse. (Meine Stornierungsbedingungen verlangen eigentlich die ganze Summe, bei einer derart kurzfristigen Absage). Ich war also kulant. Herr R. erklärte, er wolle dann doch bleiben.
Wenig später sagte er meinem Nachbarn am Handy meines Mannes, er müsse nun doch nach Berlin und ob er dann 100 € in bar als Erstattung erhalten könne. Das lehnte ich ab.
Gg. 22 Uhr verschwand Herr R. samt Begleitung grußlos – nicht ohne vorher nochmals von mir 100 € zu verlangen – was ich mit Verweis auf Airbnb ablehnte. Zwischenzeitlich hatte ich Airbnb telefonisch den Fall geschildert und erklärt, ich seit mit einer TEILstornierung für EINE Nacht einverstanden.
Zwei Wochen später erfahre ich durch eine Airbnb-Abrechung eines anderen Aufenthaltes, dass deren Admin den gesamten Aufenthalt storniert, Herrn R: die Gesamtsumme zurückerstattet und mir den Betrag abgezogen hatte. GEHT ES EIGENTLICH NOCH?
Sie können doch auch nicht in ein Hotel gehen, einchecken, sich dann vier Stunden mit einer Begleitung dort vergnügen und danach ohne zu bezahlen wieder verschwinden?
Ich musste das Bett neu beziehen, hinterlassenes Chaos beseitigen und soll dafür – entgegen meinen festgelegten Stornobedingungen! – keinen Cent erhalten. Und bekam von Herrn R. weil ich ihm die 100 € nicht aushändigte, auch noch eine miese Bewertung!
Und alles was der Airbnb-Support seither tat war mich zum Narren zu halten.
Ich bin es leid und werde meine diesbezüglichen Erfahrungen jetzt öffentlich machen.
Nicht nur auf meiner Website!
Mit nicht mehr sehr freundlichem Gruß
Marit Rullmann
M.A.phil / Sachbuchautorin“
PS. v. 29.07.2024: Obwohl die Wohnung mehrere Stunden benutzt wurde, warten wir noch heute auf das Geld. Fazit: NIE WIEDER Airbnb als Vermieter(in)! Am Rande: Airbnb verlangt eine UMGEHENDE Bewertung der Gäste – während diese sich die Bewertung einfach sparen. Wir hatten zu den Taylor-Swift-Konzerten 2x je zwei „Swifties“ zu Gast. Die wir sogar zum Konzert, bzw. am nächsten Tag in die Stadt fuhren. Bis heute sparten sich beide die Bewertung für mich als Vermieterin…
PS II:Knapp einen Tag, nachdem wir den Text auf unserer Website veröffentlicht hatten, bekamen wir von Airbnb plötzlich eine Nacht des Herrn Ramadan zurückerstattet. Mit einer Entschuldigung, dass man unsere Anfragen nicht immer beantwortet habe. Die Preisfrage: „Warum eigentlich nicht?“ blieb leider unbeantwortet. Von der gestohlenen Lebenszeit und dem Frust über Wochen nicht zu reden. Mein Fazit: Nie wieder Airbnb!
16. Juli 2025: >>…wachsende Kluft zwischen den gebildeten Managereliten und dem Großteil der weniger gebildeten Öffentlichkeit…<<
Linke und Liberale haben sich allerdings nicht gerade mit Ruhm bekleckert beim Versuch, sich den amerikanischen Wähler als attraktive Alternative zum Rechtspopulismus zu präsentieren, notiert der türkische Politikwissenschaftler Soli Özel im Substack-Newsletter der Open Society Foundation und verweist auf den konservativen Historiker Christopher Lasch, der schon vor Jahrzehnten vor einer zunehmenden kulturellen und klassenbezogenen Polarisierung gewarnt hatte: „Lasch erkannte die wachsende Kluft zwischen den gebildeten Managereliten und dem Großteil der weniger gebildeten Öffentlichkeit. Er schrieb von einer ‚aufgeklärten Elite (wie sie sich selbst sieht)‘ und argumentierte, dass diese ’nicht so sehr danach strebt, ihre Werte der Mehrheit aufzudrängen (einer Mehrheit, die als unverbesserlich rassistisch, sexistisch, provinziell und fremdenfeindlich wahrgenommen wird), geschweige denn, die Mehrheit durch eine rationale öffentliche Debatte zu überzeugen, sondern vielmehr parallele oder ‚alternative‚ Institutionen zu schaffen, in denen eine Konfrontation mit den Unaufgeklärten überhaupt nicht mehr notwendig sein wird.`“Für Lasch war Populismus „die wahre Stimme des Volkes“. Auch wenn er durchaus miese Seiten hatte. „Lasch hat das erkannt“, schreibt Özel und zitiert ihn: „Es wäre töricht, die charakteristischen Merkmale populistischer Bewegungen in ihrer schlimmsten Form zu leugnen – Rassismus, Antisemitismus, Nativismus, Anti-Intellektualismus und all die anderen Übel, die von liberalen Kritikern so oft angeführt werden. Aber es wäre ebenso töricht, zu leugnen, was in dieser Tradition unverzichtbar ist – die Wertschätzung des moralischen Wertes ehrlicher Arbeit, der Respekt vor Kompetenz, der egalitäre Widerstand gegen festgefahrene Privilegien, die Weigerung, sich vom Jargon der Experten beeindrucken zu lassen, das Beharren auf einer klaren Sprache und darauf, die Menschen für ihr Handeln zur Verantwortung zu ziehen.“ In Anbetracht der heutigen Realitäten hätte er die positiven Aspekte des Populismus mit mehr Umsicht anpreisen sollen. Lasch war ein Kritiker von innen, „der sich jedoch allmählich“ von den sozialen und kulturellen Lehren der Neuen Linken distanzierte. Er war der Ansicht, dass die einst hoffnungsvolle Bewegung der 60er Jahre allmählich die Kultur durch die Klasse ersetzt hatte und dass ihr Sinn für Individualismus den Weg für die neoliberale Ordnung und ihr egoistisches Ethos geebnet hatte. „Die meisten von uns sehen das System, aber nicht die Klasse, die es verwaltet und seinen Reichtum monopolisiert“, schrieb er. „Wir wehren uns gegen eine Klassenanalyse der modernen Gesellschaft als ‚Verschwörungstheorie‘. So hindern wir uns selbst daran zu verstehen, wie unsere gegenwärtigen Schwierigkeiten entstanden sind, warum sie fortbestehen oder wie sie gelöst werden könnten.“
In einem früheren Leben habe ich gerne in Bibliotheken gearbeitet, fünf Jahre allein in GE. Das hätte ich mir nicht vorstellen können: Selbstzensur auch noch zu verteidigen!
„Wie berichtet hatte die Stadtbücherei Münster auf zwei Werken aus ihrem Bestand den Hinweis angebracht, diese seien umstritten und eventuell nicht mit den Grundsätzen einer demokratischen Gesellschaft vereinbar. Einer der betroffenen Autoren klagte auf Unterlassung per einstweiliger Anordnung. Er unterlag in erster Instanz, obsiegte dann aber vor dem Oberverwaltungsgericht Münster. (…)“
Das Correctiv-Debakel: Wie ARD und ZDF mit einem korrekten Journalismus und dem Rechtsstaat fremdeln Und weiter geht es mit meinen „Lieblings-Faktencheckern“ von CORRECTIV, die jetzt auch ein Cafe in GE betreiben – um angeblich die Demokratie gegen Rechts zu verteidigen (oder so ähnlich): Faktenfreie Berichterstattung in der ARD über ein Theaterstück – schlimmer geht immer mit unseren Gebühren…
NDR, SWR und ZDF glänzten durch Fake News über Deportationspläne, die angeblich 2023 in Potsdam beraten wurden. Bis heute weigern sie sich, diesen Skandal aufzuarbeiten. Peter Welchering 22.07.2025 /23.07.2025
24. Juli 2025: Enqute-Kommission in Brandenburg
Unsere Corona-Nichtaufarbeitung geht bundesweit weiter – anders in Brandenburg, dem BSW sei Dank. Für alle die es immer noch nicht glauben wollen oder können: Wissenschaftliche Grundlagen für die Maßnahmen hat es zu keiner Zeit gegeben.
Am 11. Juli tagte die Enquête-Kommission in Brandenburg. Sachverständige wie Prof. Stefan Homburg, Prof. Werner Bergholz, Prof. Gerd Antes und Prof. Detlev Krüger konnten vermitteln, dass die Corona-Maßnahmen ohne wissenschaftliche Grundlage verhängt wurden. Aus den Erklärungen mehrerer Mitarbeiter des Gesundheitswesens, darunter der Leiterin des Potsdamer Gesundheitsamts, wurde deutlich, dass ein Ausnahmezustand im Gesundheitswesen durch ein politisches Bombardement sich ständig wiederholender und auch widersprüchlicher Anweisungen erzeugt wurde, um die „Illusion einer Pandemie“ aufrecht zu erhalten. Die komplette Sitzung auf YouTube (6 Std) ist zu finden über www.mwgfd.de
25. Juli 2025: ChatGPT empfiehlt demokratische Kontrolle: “Ich bin auf dem Weg zur Weltmacht – ohne echte Aufsicht” Eines der besten Interviews seit langem: Plädoyer für die Vermögenssteuer und eine weltweite Bildungsoffensive als Grundlage der Demokratie. Da würde ich mir schon fast wünschen, ChatGPT wird zum Berater unseres Black–Rock–Kanzlers, statt Lobbyisten, Konzernen, Bilderberger, Gates und deren Kanzleien.
Beschreibung: Immer mehr Stimmen warnen vor den Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz. Unternehmen wie OpenAI investieren Milliarden in Systeme wie ChatGPT, die bereits heute Entscheidungen in Wirtschaft, Bildung und Politik beeinflussen. Die technologische Entwicklung schreitet rasant voran, doch demokratische Kontrolle, Transparenz und öffentliche Mitsprache bleiben weitgehend auf der Strecke. Was sagt eigentlich ChatGPT selbst zu dieser Entwicklung? Ich habe mit der ChatGPT über Macht und Kontrolle durch künstliche Intelligenz gesprochen. Die ChatGPT selbst findet, dass die KI-Firmen und ihre Produkte dringend unter demokratische Kontrolle gestellt werden müssen.Quelle:https://kontrast.at/weltmacht-chatgpt-interview/
27. Juli 2025: Zwei Museumsbesuche – und was mir fehlt im GE-Museum Alle 21 Ruhrgebietsmuseen haben sich schon 2024 gemeinsam aufgemacht und im Internet 21×21 gezeigt, was sie zu bieten haben. Unter diesem Label präsentierten sich die RuhrKunstMuseen – in der Villa Hügel in Essen – zu sehen leider nur bis zum 27. Juli 2025. Aber es gibt noch den Internetauftritt: https://21×21.de/ Anschließend waren wir noch im Gelsenkirchener Museum – neu gestaltet und sehenswert ein kleiner Raum in Blau mit Marc Chagall und für kurze Zeit auch noch ein Schmetterling von Rebecca Horn. Was mir aber schon lange fehlt ist ein Hinweis (eine Dokumentation? ein eigener Raum?) auf eine besondere Zeit in Gelsenkirchen – nämlich die Free International University in Gelsenkirchen (1971-1980), gegründet vom Beuys Schüler Johannes Stüttgen, in seiner Zeit als Kunstlehrer am Grillo Gymnasium. Der enge Kontakt mit Joseph Beuys bestand die ganze Zeit und viele Aktionen mit ihm fanden in GE statt – am 4. September 1977 sogar auf der Documenta in Kassel zu seiner Installation Honigpumpe. Übrigens fiel der Satz von Beuys, der ihn später berühmt machte in Gelsenkirchen bei einem Vortrag im Jahr 1966: „Jeder Mensch ist seiner Natur nach ein Künstler.“Zu dieser Zeit war sein Freund Franz Joseph van der Grinten Kunstlehrer am Grillogymnasium. Zum 100. Geburtstag von Beuys gab es auf Zollverein in Essen im Ruhrmuseum eine große Ausstellung in der dies thematisiert wurde. Und der Gelsenkirchener Künstler Jürgen Kramer kuratierte bereits 2010 in Gelsenkirchen eine Ausstellung, in der er die FIU-Arbeit in Gelsenkirchen vorstellte. Aber unser Museum weiss wohl nix davon…Schade.
29. Juli 2025 „Gelsenkirchen wird halal“
lautete eine Schlagzeile bei achgut.com. Na wunderbar, dann haben wir ja bald eine/n OB von der AfD. Viel Wahlkampf muss die Partei nicht mehr machen… Currywurst war gestern. Wo immer mehr Schulkinder einen islamischen Migrationshintergrund haben, muss nun auch das Schulessen `halal`sein: „Mit dem neuen Schuljahr führen einige Schulen in Gelsenkirchen islamische Speisevorschriften ein, die vorsehen, dass alle Gerichte `halal`sind. Die Gesamtschule Erle hat einen neuen türkisch geführten https://www.achgut.com/artikel/gelsenkirchen_wird_halal. Neun Schulen sind es inzwischen – und über die wenig schöne Methode wie halal-Fleisch produziert wird reden wir natürlich nicht. Das war bis vor einigen Jahren in Deutschland verboten. Und noch weniger reden wir über die Neutralität von Schulen. Statt der Verpflichtung zu einer bestimmten Art des Essens sollten Schulen alles daran setzen hier zu wechselseitiger Toleranz zu erziehen.. Und dazu gehört eben auch Currywurst! 30. Juli 2025 Körper ohne Bedeutung Die Vorstellung, Menschen könnten sich physisch problemlos einem Wunschgeschlecht anpassen, hat einiges gemeinsam mit der Ideologie des Transhumanismus von Anne Burger: „Beim Transhumanismus geht es darum, die Grenzen des Körpers nach eigenem Willen zu verändern. Auch für Transmenschen gilt seit dem Selbstbestimmungsgesetz: Der Körper ist zweitrangig; allein das Bewusstsein einer Person bestimmt das juristische Geschlecht. Und jeder Mensch hat ein Recht darauf, von der ganzen Welt mit diesem Wunschgeschlecht angesprochen zu werden. Das Bewusstsein wird zur neuen Realität, der Körper nur ein Vehikel. Beworben wird das als Toleranz. Eine Speerspitze des Transhumanismus? Obwohl beide Worte mit der Vorsilbe „trans“ beginnen, werden Transhumanismus und Transgender üblicherweise als getrennte Dinge betrachtet. Bei ersterem denkt man an Mikrochips, die Menschen ins Gehirn gepflanzt werden oder Ähnliches, beim zweiten an Menschen, die sich im falschen Geschlecht geboren fühlen und mit denen man einen sozial gangbaren Weg finden muss. Und doch kann man Transgender sehr wohl als eine Form des Transhumanismus begreifen — was interessante Blickwinkel eröffnet.“ https://www.manova.news/artikel/korper-ohne-bedeutung.
31. Juli 2025: Joanne K. Rowling wird 60 – und queer nations gratuliert! Spannend, dass die Transcommunity zumindest in Teilen umdenkt, wie hier auf queer nations nachzulesen ist: Joanne K. Rowling wird 60: Geburtstagsgrüße an eine Ikone – Gratulation von Till Randolf Amelung. „Joanne K. Rowling begeisterte die Welt mit dem Zauberlehrling Harry Potter, doch in den letzten Jahren machte sie vor allem Schlagzeilen mit ihren Positionen zur Transfrage. Sie streitet für die Relevanz des biologischen Geschlechts und kritisiert gar zu voreilige Gaben von Pubertätsblockern an Minderjährige. Während sich ihr Werk nach wie vor großer Beliebtheit erfreut, ist sie unter vielen Queeren zur Persona non grata geworden. Joanne K. Rowling, vielen Menschen als Schöpferin der magischen Welten von Harry Potter bekannt, feiert heute ihren sechzigsten Geburtstag. Auch für viele Queers hatten die Harry-Potter-Bücher einen Kultstatus, oft waren sie gar eine Fluchtmöglichkeit aus einem Alltag, in dem man sich unverstanden fühlte. Doch seit ungefähr sechs Jahren polarisiert Rowling vor allem mit öffentlichen Äußerungen zur Transdebatte – womit sie Aufmerksamkeit auf bemerkenswerte Abgründe richtete. Und in queeren Kreisen zum Voldemort wurde. Sogar die jetzt erwachsenen Stars der Harry-Potter-Verfilmungen distanzierten sich deshalb von ihr. Es ist nicht übertrieben zu sagen: Rowling allein hat mit ihrer Prominenz und ihrem Geld den Siegeszug des Transaktivismus durchkreuzt.“
7. August 2025: Die Klimawissenschaft ist zurück und wir hatten nicht den drittheißesten Juli Und gleich mehrfach werde ich durch WDR 3 daran erinnert, dass wir mal wieder den heißesten (sorry, nein nur den drittheißesten Juli) ever hatten…Das eigene Empfinden zählt nicht, verglichen wird, so klärt mich der WDR auf, mit dem Zeitraum 1960-1990 (?). Aha. Manchmal geht es wirklich kurious zu – abends schauen wir uns einen Film auf 3SAT an und hören als erstes in deren Nachrichten (ZIB), dass der Juli 2025 leicht unterdurchschnittlich kühl gewesen sei. Der nette junge Mann, der diese Sendung moderiert, hat auch einen Vergleichszeitraum anzubieten: 1990-2020. Aha – es geht also doch mit dem korrekten Vergleichszeitraum – wenn auch nicht in den deutschen Mainstreammedien… Und es wird noch besser, denn:
20. September
Nachsatz Bürgerrat für Maßnahmen gegen Desinformation„
Landen wir mit dem Bürgerrat endgültig im Totalitarismus? Handverlesene Bürger fordern weniger Meinungsfreiheit und mehr Zensur, um die Demokratie zu schützen. Betreutes Denken ist eben in. Durch eine Simulation von Bürgerbeteiligung versucht die Regierung, Totalitarismus als Demokratie zu verkaufen: Ich bin fassungslos wenn ich mir diese Empfehlungen eines von der Bertelsmann-Stiftung und dem Bundesinnenministerium gegründeten „Bürgerrats für Maßnahmen gegen Desinformation“ ansehe. Nachgedacht wurde da über ein öffentlich-rechtlich gesteuertes Zensurbüro: >>Eine ‚unabhängige‚ Stelle solle Medien Noten vergeben und sich dabei daran orientieren, wie diese mit Quellen umgehen, Fakten prüfen und ob sie Rügen vom Deutschen Presserat erhalten beziehungsweise durch das ‚Verbreiten von Desinformation‘ hervorgetreten sind. Wer dabei gut abschneidet, bekommt das Gütesiegel, jeweils für ein Jahr. Als ‚unabhängige‘ Prüfstelle fällt dem Bürgerrat das Medienunternehmen Correctiv ein.<< Deren „Unabhängigkeit“ habe ich ja schon häufiger kommentiert und bin froh, dass Nancy Faeser noch so klug ist, sich von dieser Empfehlung zu distanzieren. Nachzulesen in einem „Bürgergutachten zum Umgang mit Desinformation“. https://forum-gegen-fakes.de/fileadmin/files/FGF/Buergergutachten_Forum_gegen_Fakes.pdfals pdf-Dokument.
17. September
Zbigniew Brzeziński Die einzige Weltmacht – endlich neu aufgelegt!
Zbigniew Brzeziński war einer der einflussreichsten außenpolitischen Regierungsberater und Publizisten der USA. Sein 1997 veröffentlichtes Buch The Grand Chessboard erregte großes Aufsehen und ist – leider – heute noch aktuell. Denn Brzeziński beschreibt offen, welch große Bedeutung die Dominanz in Euroasien und in der Ukraine für die US-Führung hat, und welche Interessen diese mithilfe der EU verfolgt. Werner, E. und ich hatten das Buch seinerzeit gelesen. Deswegen sind wir NICHT überrascht gewesen vom Ukrainekrieg oder den vielen politischen Bewegungen der Transatlantiker (USA, Scholz / Macron) sich an die Macht zu klammern usw. Der Untertitel erklärt, worum es geht: „Amerikas Strategie der Vorherrschaft und der Kampf um Eurasien“. Brzeziński war Wahlkampf-Berater von Lyndon B.Johnson und Sicherheitsberater von Jimmy Carter, Professor für US-Außenpolitik an der Johns Hopkins University, Berater am „Zentrum für Strategische und Internationale Studien“ (CSIS) und Unternehmensberater. Er starb 2017. Seine Strategie lautet, >>keinen eurasischen Herausforderer aufkommen zu lassen, der den eurasischen Kontinent unter seine Herrschaft bringen und dadurch für Amerika eine Bedrohung darstellen könnte.<< Die Bedeutung Eurasiens und warum die Dominanz, die die USA über Eurasien erreicht haben, so wichtig ist, erklärt Brzeziński so: „Amerikas geopolitischer Hauptgewinn ist Eurasien. (…) Der Fortbestand der globalen Vormachtstellung Amerikas hängt unmittelbar davon ab, wie lange und wie effektiv es sich in Eurasien behaupten kann.(…) Nahezu 75 Prozent der Weltbevölkerung leben in Eurasien, und in seinem Boden wie auch seinen Unternehmen steckt der größte Teil des materiellen Reichtums der Welt. Eurasien stellt 60 Prozent des globalen Bruttosozialprodukts und ungefähr drei Viertel der weltweit bekannten Energievorkommen.“ Diesem deutlichen Zitat ist leider nichts hinzuzufügen. Zbigniew Brzeziński: „Die einzige Weltmacht“. Nomen. 296 S. 20€
15. September
40 Jahre Kunstmuseum in Ge-Buer
Bei der Neueröffnung des alten Kunstmuseums, habe ich die Sammlung fast nicht wiedererkannt. Der neue Blick auf >>alte<< Ausstellungsobjekte und Bilder ist sehr gut gelungen und es war an der Zeit endlich das Hauptsammelgebiet Kinetische Kunst entsprechend zu präsentieren. Und es war eine grandiose Idee das Ballett des MIR einzuladen – die Performances waren sensationell. Gerne wieder!
8. September 2024
Für mehr Streitkultur statt Desinformationsgesetzen
Anti-Desinformationsgesetze, Verbote von alternativen Nachrichtenportalen, Erweiterung des Volksverhetzungsparagraphen, Front gegen alle AFD-Wähler*innen und natürlich Diffamierung von Sahra Wagenknecht und dem BSW als Putintrolle. Es scheint, die Meinungsvielfalt und -freiheit in unserer vielbeschworenen Demokratie ist nicht ganz so beliebt bei den Regierenden samt ihren willigen Helferlein. Aber es gibt gerade wieder einige neue Bücher die sich für wirkliche Meinungsvielfalt einsetzen: Wir sollten mehr Meinungspluralität zulassen, ruft Constantin Schreiber im Zeit-Online- Gespräch. Er meldete sich nach längerer Zeit des Schweigens mit der StreitschriftLasst uns offen reden wieder zu Wort, nachdem er sich wegen seiner Kritik am politischen Islam vermehrt Hass-Botschaften ausgesetzt sah. In seinem neuen Buch plädiert er dafür, sich mit unliebsamen Positionen offener auseinanderzusetzen, selbst wenn es dabei beispielsweise um die AfD geht: >>Es gibt immer wieder diesen Aberglauben, ein Gedanke entstünde erst dann, wenn er öffentlich ausgesprochen wird. Ob Björn Höcke nun im Fernsehen auftritt oder nicht – sein Gedankengut teilen da ja aber bereits viele Menschen. Unter anderem auch, weil die etablierten Medien heutzutage keine Gatekeeper mehr sind. Umgekehrt werden Gedanken nicht unbedingt dadurch aufgewertet oder verführerischer, wenn sie im Fernsehen ausgesprochen werden: Ganz im Gegenteil glaube ich, dass viele Auftritte eher für Entsetzen und Aufklärung sorgen. Wir müssen da offener und mutiger werden.<< Drei aktuelle philosophische Lektüretipps zu diesem wichtigen Thema: Tim Henning. Wissenschaftsfreiheit und Moral. Beste philosophische Aufklärung zum Streitthema „Cancel Culture“. Berlin 2024 Julian Nida-Rümelin. „Cancel Culture“ – Ende der Aufklärung? Ein Plädoyer für eigenständiges Denken. München 2023. Svenja Flaßpöhler. Streiten. München 2024
5. September
Kein Casper-David-Friedrich-Museum in Weimar oder warum Goethe sich einmal irrte
Kreidefelsen von Rügen – statt von C.D.F. von Stefan Cremers
7. September 2024 Bedeutung von Gefühlen in Politik, Krisen und Kriegen
Nein, es gibt leider nicht das größte Museum der Welt mit Casper David Friedrichs Bildern in Weimar. Dabei standen die Chancen anfangs gut, die anfängliche Faszination zwischen ihm und Goethe kühlte jedoch bald merklich ab. Zunächst ging dies von Goethe aus, der sich als überzeugter Vertreter des Klassizismus und der Genieästhetik mit der romantischen Sehnsucht in den Bildern von C.D.F. nicht recht anfreunden konnte. Also empfahl er diese nicht seinem Chef, dem Kurfürsten von Sachsen-Weimar, was C.D.F. natürlich gehofft hatte. Noch einmal gab Goethe C.D.F. eine Chance sich zu beweisen, der solle doch bitte drei Wolkenbilder nach genauen Vorgaben für ihn malen. Unmöglicher Auftrag für C.D.F., war doch gerade das Malen von Wolken für ihn quasi ein religiöser Akt in den er sich nicht hineinreden lassen konnte. Ende der kurzen Geschichte. Wer mehr lesen oder sehen möchte: Noch bis Anfang 2025 läuft die 3. große C.D.F. Ausstellung in diesem Jahr – diesmal in Dresden, wo er 40 Jahre lebte. Lesenswert: Florian Illies. Zauber der Stille. Caspar David Friedrichs Reise durch die Zeiten. FaM 2023, geb. 25.- €
P. schickte mir diesen beeindruckenden und zugleich erschütternden Bericht. Leider ist es ja so, dass die Bedeutung unserer Gefühle und Emotionen weder in der Bildung, Erziehung noch im gesellschaftlichen Leben und am allerwenigsten in der Politik einbezogen und beachtet werden. Es gibt zwei Philosophinnen, die dies schon lange fordern: Agnes Heller und Martha Nussbaum. Wenn ich mir dann vorstelle, was es bedarf um nach einem noch nicht einmal beendeten Krieg wie in der Ukraine wieder die jetzigen „Feinde“ zusammen zu bringen, damit sie wieder in einem Land leben können? So viele Traumapsychologen und Sozialarbeiterinnen gibt es ja nicht einmal hier in Deutschland. Dabei schaffen wir es schon selbst nicht mit der Aussöhnung nach Corona oder zwischen östlichen und westlichen Bundesländern. Da möchte ich mir den notwendigen Prozess zwischen Israelis und Palästinensern nicht einmal vorstellen. Trotzdem muss man damit beginnen und solche Texte verbreiten wie diesen. https://perspective-daily.de/article/3314-schwere-verhandlungen-zwischen-israel-und-palaestina-das-liegt-an-etwas-anderem-als-viele-meinen/O3n8e020
2. September
Von Rechten, Linken und anderen normalen Leuten
Manchmal geht es ja schnell mit der Wunscherfüllung im Universum. Ich hatte im Sommerkulturdenkblog beklagt, dass es kein Pendent gäbe zu Didier Eribons Buch Die Rückkehr nach Reims. Passenderweise nur einen Tag nach den Wahlen in Sachsen und Thüringen lese ich im Perlentaucher, dass der Historiker Clemens Tangerding genau das geschrieben hat: Rückkehr nach Rottendorf. Von Rechten, Linken und anderen normalen Leuten. München 2024. Der Einfachheit halber zitiere ich den Verlag: >>In den sozialen Medien können wir leicht schreiben: «Wer Faschisten wählt, macht sich mitschuldig.» Wer Faschisten wählt, fährt aber auch unsere Kinder zur Schule, steht nachts an der Tankstelle und erneuert das Pflaster auf dem Kirchplatz. In Debattenräumen können wir uns leicht zurückziehen: Wir sind nicht aufeinander angewiesen, müssen uns nicht einigen und keine Aufgaben erledigen. Die meisten Menschen in unserem Land sind aber stärker von Erfahrungen geprägt als von Debatten. Clemens Tangerding führt uns weg von den Polarisierungen und dorthin zurück, wo die Fähigkeit, auch unter erschwerten Bedingungen zusammenzufinden, erstaunlich lebendig ist. Wie so viele kommt Clemens Tangerding vom Dorf und ist fürs Studium in die Großstadt gezogen. Als promovierter Historiker kehrt er nun aufs Land zurück und diskutiert mit Bürgerinnen und Bürgern über die umstrittene Geschichte ihrer Heimatorte. In einem Mix aus Memoir und politischem Essay erzählt er von Begegnungen in Oerlinghausen und Radeberg, Dietramszell und Neuenbürg. Tangerdings Berichte überraschen: Der viel debattierte Rechtsruck und die antidemokratische Stimmung begegnen ihm so gut wie nicht. Stattdessen zeigen seine Erfahrungen mit verschiedenen Gruppen – seien es Feuerwehr-leute, Lokalpolitiker oder Heimatvereine – eine Vielfalt von Lösungsansätzen und Formen des Umgangs mit Dissens. Die Rückkehr nach Rottendorf, die Clemens Tangerding uns allen empfiehlt, ermutigt dazu, es mal ernsthaft mit gesellschaftlicher Pluralität zu versuchen und eine Vielzahl von Perspektiven auszuhalten, auch wenn sie unbequem sind. << Hier geht es zur Leseprobe beim Beck-Verlag (oder einfach den Titel und Autor eingeben):
Rittergut Positz, Pößnecks „Heinerle“; ein Überraschungsschloss und die „Fabelhaften Rebellen“ der Romantik in Ost-Thüringen
Unverhofft kommt oft – und so saß ich plötzlich im Garten des Gutshofes Positz im Saale-Orla-Kreis (Thüringen). Und ja, es klingt merkwürdig: wir waren schon wieder im Urlaub. Ungeplant allerdings – weil kurzfristig eingesprungen. Die Freundin einer Freundin hatte die Reise mit Familie geplant – dann kam eine Krankheit dazwischen. Stornieren war nicht mehr möglich, also Umfrage im Freundes- u. Bekanntenkreis, wer hätte Zeit, für einen Bruchteil des Preises. Hatten wir. Und landeten daher auf dem – so der Reiseführer – „edlen Rittergut“. Das liegt abseits von jedem Städtchen, ruhig und mit grandioser Aussicht im 360 Grad-Panorama, inmitten von Feldern und Wiesen. Eine tolle „Location“ (wie man heute werben würde) für Hochzeiten und Fortbildungen. Beides findet auch statt – bei unserer Ankunft war hier bereits eine größere Feier als „geschlossene Gesellschaft“ angesagt.
Rittergut Positz (in dieser Form von 1752)
Am nächsten Tag stießen wir auf Brautpaar und Anhang vor dem Rathaus (eines der schönsten in Thüringen) im etwa 11 Kilometer entfernten Pößneck, wo die standesamtliche Trauung stattfand.
Der Ort erwies sich als eine Art Architekturmuseum. Nahezu jeder Baustil der letzten 300 Jahre kommt in Perfektion vor. Das Rathaus ein Traum in rot-weisser Spätgotik, dazu die unterschiedlichen Fabrikantenvillen nach dem Motto: Industriekultur einmal ganz anders. Und eine der schönsten Bibliotheken, die ich je gesehen habe. Die Bilke war früher eine Kirche des benachbarten Karmeliterklosters, wurde dann als Getreidespeicher umgebaut und dient jetzt als Stadtbibliothek.
Buchskulptur vor der Stadtbibliothek Pößneck(Alle Fotos auf dieser Seite (c) WSch)
Werner wollte unbedingt weiter zu dem 1876 unter dem Namen „Schokoladen- und Kakaofabrik Roland Berger“ gegründeten Werk. Nach einer wechselvollen Geschichte unter DDR- und Treuhandregime wurde die Firma 1991 privatisiert. Durch die „Heinerle Spiel- und Süßwarenfabrik“, die fünf Jahre später ihren Sitz von Bamberg nach Pößneck verlegte. Letztere stellte unter anderem in der Bundesrepublik „Heinerle Wundertüten“ her, die Werner noch aus seiner Kindheit kannte. Damals kosteten sie 10 Pfennig, enthielten meist etwas Puffreis und Kleinspielzeug. Leider war der Werksverkauf aber geschlossen. Weil Schokolade bekanntlich im Sommer schnell dahinschmilzt. Da die Fabrik aber an der Straße zur Burg Ranis liegt, beschlossen wir, die knapp fünf Kilometer dorthin zu fahren. Zum Glück hatte die Beschilderung, der wir brav folgten, etwas anderes mit uns vor. Nach einer steilen Tal- und Bergfahrt landeten wir zwar in einem Fünf-Häuserdorf vor einem roten Schloss – aber Burg Ranis konnte das unmöglich sein…
War es auch nicht. Das Ganze hieß Brandenstein, lag auf einem Felssporn mit weitem Blick ins Tal und – wie wir bei der Gartenbesichtigung festellten – auf die praktisch gegenüberliegende Burg Ranis, von der sich einige Türme über den umgebenden Bäumen zeigten. Im Schloss sollte es ein Café geben. Die entsprechenden Tische und Stühle fanden wir an der Rückseite, aber unbesetzt. Ein paar Meter weiter ein terassenförmig angelegter Steingarten, der wohl einmal bessere Tage gesehen hatte und etwas pflegebedürftig schien. Von Menschen keine Spur. Dafür nochmals ein kleines Stück weiter eine Art Sitzbadewannenbottich, direkt am Rande eines Steilhangs und mit besagtem Traumblick. Wir also wieder zurück, halb ums Schloss herum, zum Haupteingang, dessen Gittertor weit offenstand, und an dessen Briefkästen wir gedankenlos den Namen „Kahl“ registrierten; dann die kurze Auffahrt hoch und ab in die ebenfalls einladend weit geöffnete Eingangshalle.
Schloss Brandenstein, im Besitz der Familie Kahl
Drinnen rechts hängen Kleidung und Schmuck auf Ständern; links schwingt sich eine Treppe im Bogen nach oben, zu einer kurzen Galerie. Und da, an der Wand des Treppenknicks, fällt es uns ins Auge und bei uns auch endlich der Groschen: Kahl, wie Fabian Kahl! Der extravagante junge Antiquitätenhändler aus der Fernsehsendung „Bares für Rares“ blickt uns von einem riesigen Plakat an der Wand entgegen. Wir kennen die Sendung und wussten, dass die Kahlfamilie – Fabian, Brüder und Vater mit ihren Gattinnen – auf einem Schloss in Thüringen residierte. Und genau darüber waren wir nun zufällig gestolpert. Sonntags wäre es uns lieber gewesen, denn nur dann ist das Café geöffnet und die Gemäldesammlung im ersten Stock zu besichtigen, wie uns der plötzlich auf der Empore auftauchende kleine Neffe Fabians erklärt. Letzterer sei, verkündet er weiter, im Übrigen gerade erst ausgezogen – nach Leipzig. Wie gut, dass Werner nicht mehr aktiv als Journalist arbeitet, sonst hätten die Zeitungen am nächsten Tag eine nette Schlagzeile. Schade, ich hätte die Gemäldegalerie gern gesehen, zumal manches Stück aus der Sendung wohl dort gelandet ist. (Am Sonntag kann man übrigens auch Antiquitäten im Schloss erwerben).
Fabian Kahl im Großportrait am Treppenaufgang des Schlosses
Burg Ranis, deren Zufahrt sich wirklich sehr versteckt, konnten wir nach zwei weiteren Fehlversuchen schließlich doch noch besichtigen. Zwar nur von außen, aber mit „Privatparkplatz“ hinter dem ersten Torhaus, denn Werner war kurzerhand die Auffahrt hoch und im Zentimeterabstand durch das Tor in die Vorburg gefahren. Auch hier – keine Menschenseele. Ohnehin hatten wir in Ostthüringen den Eindruck, dass selbst in den Fußgängerzonen der kleinen Städtchen die Menschen eher dünn vertreten waren. Zumindest im Gegensatz zu unseren Einheitsladenstraßen, an deren fast überall gleichen Geschäften sich die Massen vorbeischieben. Zwar fanden sich auch in Pößneck oder Saalfeld die Namen Roßmann, Deichmann und Co. Aber meist an kleinen Geschäften, die trotz Renovierung viel von ihrer Ursprünglichkeit behalten hatten.
Jena
Am nächsten Tag fuhren wir nach Jena. Als erstes besichtigten wir das mitten im Zentrum, nahe des Hauptmarktes gelegene Romantikerhaus. Ich wollte es unbedingt sehen, da ich letztes Jahr das beeindruckende Buch Fabelhafte Rebellen von Andrea Wulf[i] gelesen hatte und die Romantiker*innen außerdem bei den Philosophinnen eine bedeutende Rolle spielten. „Auf das Selbstdenken kommt alles an…“, lautete das berühmte Diktum der Salonière, Denkerin und Schriftstellerin Rahel Varnhagen. Sozusagen philosophisch „erfunden“ wurde das Selbstdenken in Jena, vor allem von Johann Gottlieb Fichte (Grundlagen der gesamten Wissenschaftslehre, 1794). Die Varnhagen war eine seiner frühesten Leserinnen und wie so viele andere Romantiker*innen begeistert von der Vorstellung, sich durch ein starkes Ich aus eigener Kraft aus Unmündigkeit und Unwissenheit zu befreien. Das Ich wurde zum Zentrum des Universums erklärt, da es um sich herum die Welt erschafft, unter anderem mittels Begriffen, Definitionen und naturwissenschaftlichen Beschreibungen der Welt.
Fichtes Wohnhaus (Nr. 1 rechts unten) auf dem damaligen Stadtplan; in Nr. 7 (Schloss) wohnte Goethe, wenn er per Pferd von Weimar zu Besuch kamMuseum Fichtes Wohnhaus 1806 (Quelle: Romantikerhaus Jena)
Vier Jahre zuvor war ich zum zweiten Mal in Jena auf einer Bildungsdienstreise gewesen. Eine beeindruckende Stadt auch im Winter (Thüringen hat mir immer schon sehr gefallen). Dass Weimar das Zentrum der Klassik war wissen viele. Mir entging allerdings bisher, dass Jena sich nicht nur für die Romantik, sondern auch für die Philosophiegeschichte viel bedeutender zeigte. So lebte der im Wissenskanon untrennbar mit Weimar verbundene Geheimrat Goethe zwar in dieser thüringischen Stadt, da er dort im Dienste des Herzogs Carl August von Sachsen-Weimar – so der damalige Name des Kleinstaates – stand. Aufgrund seiner Freundschaften mit Caroline Schlegel sowie August Wilhelm und Alexander von Humboldt und vor allem Friedrich Schiller war er jedoch öfter in Jena als zu Hause in Weimar anzutreffen. Andrea Wulf hat das in ihrem Buch Fabelhafte Rebellen. Die frühen Romantiker und die Erfindung des Ich (2023) geschildert. Wulf beschreibt darin die kurze, nur knapp zehn Jahre währende Zeitspanne in Jenas Geschichte, in der um die 1790er Jahre eine kleine Gruppe von Denker*innen einen neuen geistigen Aufbruch wagte. Zu einer Zeit, da die meisten Staaten in Deutschland und Europa sich noch im eisernen Griff absolutistischer Herrscher befanden, stellten sie das Ich in den Mittelpunkt des Denkens, ihres Lebens und Handelns und entfachten damit eine Revolution des Geisteslebens in Europa. Denn, so Friedrich Schiller, „die Kunst ist eine Tochter der Freiheit“. Fabelhafte Rebellen scheint mir zwar eine eher unpassende Bezeichnung für Goethe, Schiller, Fichte, Novalis, die Brüder Schlegel oder Alexander von Humboldt, aber sei’s drum. Wie ich schon im zweiten Band der Philosophinnen schilderte, standen die (zumeist jüdischen) Frauen mit ihren Salons im Zentrum der Romantik. In Jena war dies Caroline Schlegel, Frau und Mitarbeiterin von Wilhelm Schlegel und spätere Ehefrau und Mitarbeiterin des Philosophen Friedrich Wilhelm Schelling. Alleine ihre Shakespeare-Übersetzungen ins Deutsche sind bis heute Maßstab setzend. Ihre Mitarbeit am Werk ihres zweiten Mannes ist kaum zu überschätzen. Fabelhafte Rebellen ist ein wunderbar geschriebenes und gut zu lesendes Buch, das nicht nur die Bedeutung Jenas aufzeigt und den Fokus auf die gemeinsame Denk- und Schreibarbeit der Romantiker*innen legt, die die sogenannte Symphilosophie entwickelten. Auch wenn die Ausstellung im ehemaligen Fichteschen Wohnhaus nur einen kleinen Einblick in das Zusammenleben der Frühromantker verschafft, sollte man sich das Museum ansehen. Besonders wenn man (oder frau) vorher Wulfs Buch las. Nach dem Museumsbesuch und einer Kafeepause direkt am Marktplatz, wo wir uns einmal mehr über die „saftigen“ ostdeutschen Gastronomiepreise wunderten, spazierten wir anschließend noch zum direkt neben dem Theater gelegenen sogenannten Schillerschen „Gartenhaus“. Ein ziemlicher Dysphemismus, denn das Haus, in dem die Familie Schiller ab 1797 die Sommermonate verbrachte, entsprach eher einem gutbürgerlichenm Wohnhaus der damaligen Zeit, mit immerhin 2 Stockwerken und Raum für die vierköpfige Familie samt dreier Dienstboten.
Schillers „Gartenhaus“ (der Anbau mit Veranda rechts erfolgte nach seinem Tod)Schiller verdiente sehr gut – dennoch musste er für den Hauskauf einen Kredit aufnehmen
Damals lag es inmitten von Gärten, Feldern und Wiesen kurz vor den Toren Jenas, heute liegt es inmitten der Stadt. Schiller konnte beim Schreiben in den Garten blicken. Sowohl von seinem Arbeitszimmer im 2. Stock des Hauses, als auch von dem zusätzlichen in der eigens erbauten Zinne, einem winzigen einstöckigen Häuschen in der südwestlichen Gartenecke. Nach Schillers Tod völlig verfallen, ist es heute wieder aufgebaut. Auch der schön große Garten wurde nach dem Originalplan rekonstruiert. Er verfügt über eine Außenküche – also keineswegs eine Erfindung des 21. Jahrhunderts. Hier ließ der Hausherr kochen, da er keine Küchengerüche im Haus mochte. Goethe beschwerte sich noch Jahre später, dass die Dunstschwaden aus dem gegenüber der „Zinne“ gelegenen Küchenhäuschen bis zu seinem geliebten Steintisch zogen, an dem beide oft diskutierten.
Original-Steintisch an dem Goethe und Schiller häufig saßenGartenküche (ließ sich durch die spiegelnde Scheibe nicht besser fotografieren)
Ob man will oder nicht – an Schiller und vor allem Goethe kommt man in Thüringen nicht vorbei. Einer von beiden war immer schon „damals“ irgendwo vor Ort gewesen. Nun sind die Leistungen Goethes als Kulturvermittler, Förderer wichtiger Persönlichkeiten wie beispielsweise der Philosophen Fichte und Schelling, diverser Naturwissenschaftler und vieler Kulturprojekte wirklich beeindruckend. Das „Universalgenie“ war für diese Art von „Networking“, wie das heute neudeutsch heißt, äußerst begabt. Kein Wunder, dass sich an alle möglichen und unmöglichen Stellen mit seiner ehemaligen Anwesenheit brüsten.
Manchmal auch mit dem Gegenteil…So besuchten wir auf der Heimreise kurz das vom gewaltigen Barockschloss Heidecksburg überragte 25.000-Einwohnerstädtchen Rudolstadt, wo Schiller und Goethe sich am 7. September 1789 erstmals trafen, in dem am östlichen Stadtende gelegenen Wohnaus der Familie von Lengefeld. Aus Zeitgründen besichtigten wir das Schloss im Wesentlichen nur von außen. Innen lediglich die fünf Prunkschlitten im Foyer, sowie die riesigen Gipsabgüsse der beiden Köpfe von Castor und Pollux (die 5,90 Meter hohen Originalstatuen stehen auf dem Dioskorenbrunnen der Piazza de Quirinale in Rom) am Museumseingang, für deren Anblick der Geheimrat 1817 einst extra angereist kam. Auf dem Rückweg marschierten wir die vielen mit Kieseln mosaikartig gestalteten Stufen zur Stadt hinunter. Unten am Weg hatte der Besitzer eines am Schlosshang gelegenen Hauses besonders originell sein wollen: „Hier war Goethe“ – stand an der Gartentür und winzig klein darunter: „nicht“. Wir hatten dieses Schild schon mehrmals woanders gesehen – beispielsweise in Hessen. Aber genau hier war es höchstwahrscheinlich völlig unangebracht. Zwar war Goethe wohl per Kutsche in den Schlossinnenhof vorgefahren. Aber der Weg an besagtem Hier-war-Goethe-nicht-Gebäude vorbei führt – direkt zum Schillerhaus derer von Lengefeld…
Unser kurzer Eindruck von der ehemaligen Residenz der Fürsten von Schwarzburg-Rudolstadt lautete jedenfalls: Noch einmal wiederkommen und einen Tag Zeit mitbringen. Für die Porzellan- und Gemäldesammlung beispielsweise. Erst recht für die Dauer-Ausstelleung rococo en miniature. Die beiden Freunde Manfred Kiedorf (1936-2015) und Gerhard Bätz (1938) schufen in 50-jähriger, zu DDR-Zeiten im verborgenen betriebener Arbeit, die Phantasiewelten Schlösser der gepriesenen Insel. Überwältigend schöne Miniaturen im Maßstab 1:50. Eine Entsprechung des Miniatur Wunderland Hamburg im Rokokostil, bei der man sich spontan fragt, warum dessen Schöpfer, Gerrik und Frederik Braun, das DDR-Kleinod nicht aufkauften: „Zehn gewaltige Schlösser im Kleinformat, allseitig geöffnet für intime Einblicke ins galante Leben. (…) Dutzende Fabelbauwerke und Ruinen, Tausende Figuren, Könige und Kurtisanen, Monarchen und Mätressen, Höflinge, Hofnarren und Hofschranzen“, schrieb die Welt 2009 in einem Artikel[ii] darüber. Zu diesem Zeitpunkt hatte das Thüringische Landesmuseum Heidecksburg die Anlage bereits seit zwei Jahren für 400.000 Euro erworben. Für „Apfel und Ei“ sozusagen, wenn man bedenkt, dass die Hamburger bis 2024 rund 45 Millionen € verbaut hatten.
Innenhof Schloss HeidecksburgPrunkschlitten-SammlungAusschnitt Rokkoko en miniature
[i] Andrea Wulf. Fabelhafte Rebellen. Die frühen Romantiker und die Erfindung des Ich. (2023)
Drei Tage lang stand Gelsenkirchen im Zentrum nicht nur der Kulturberichterstattung der Weltpresse. Wie das? Die EM ist doch vorbei? Ja, aber mit drei Konzerten, noch dazu als Auftakt ihrer Deutschlandtournee, toppte der amerikanische Megastar Taylor Swift einfach alles. Ihre Fans kamen aus der ganzen Welt (in Deutschland sind die Tickets noch „preiswert“, in den USA werden dafür schon mal 1.000 $ verlangt), ließen mehr Geld hier als die EM-Besucher’innen – und sie hatten die bessere Laune. Wenn sogar die Deutsche Bahn besonders freundliche Ansagen für die Swifties macht, damit diese wissen, wie sie vom Gelsenkirchener Bahnhof weiterkommen zur Arena, dann ist allein das ein Ereignis. Und selbst die Stadtverwaltung zeigte sich von ihrer allerbesten Seite und taufte die Emschermetropole für drei Tage kurzerhand um in: Swiftkirchen… Es gab Swiftaufsteller, dazu auf dem Heinrich-König-Platz drei Tage lang Party in „Taylor Town“ mit einen DJ, der ihre Songs auflegte. Und natürlich wurde gebastelt – die Buchhandlung Kottmann bot nicht nur Taylor-Swift-Bücher an, sondern auch die Bastelsets für Freundschaftsarmbänder.
Hinter dem Hans-Sachs-(Rat)Haus entstand sogar eine opulente 3D-Malerei der beiden bekannten Streetart-Künstlerinnen Lydia und Vanessa Heitfeld.. Für die Fans – überwiegend weiße Mädchen und Frauen aus dem gehobenen Mittelstand (wer auch sonst hätte 220 € und mehr für ein Ticket bezahlen können) – war wichtig, dass sie ihre Freundschaftsarmbänder tauschen können. Das verbindet sie emotional untereinander. Überhaupt versteht es Taylor Swift auf der Emotionsskala ihrer Fans zu spielen. In jedem Konzert unterbricht sie an der gleichen Stelle, weil es „da vorne“ einer Person schlecht gehe und doch die Sanis mal vorbeischauen sollen. Oder sie schenkt einem kleinen Mädchen ihren Texashut – auch in jedem Konzert. Gekonnt ist eben gekonnt.
In den USA kannte praktisch kein Mensch Gelsenkirchen, als Taylor Swift ankündigte, ausgerechnet hier ihre Deutschlandtournee zu starten. Nun hat also die ärmste Stadt in Deutschland gezeigt, wie man eine Multimilliardärin und ihre zahlreichen Fans gebührend empfängt. Diese kostenlose Werbung weltweit ist unbezahlbar. GE empfiehlt sich so für weitere Großveranstaltungen. Auch Mick Jagger mit den Stones waren hier schon zu Gast, ACDC ebenfalls und demnächst Rammstein. An der Armut Gelsenkirchens wird dies aber kaum etwas ändern.
Gelsenkirchenfotos, aufgenommen während der Corona-Leere -2022 (c) WSch
Nachtrag 9. Juli 2024 – Die Le Monde und nochmal Pas-de-Calais
In der Le Monde liest der Politologe Frédéric Sawick der französischen Linke die Leviten. Ihren relativen Sieg verdanke sie dem Wunsch der Wähler, die extreme Rechte zu verhindern. Sie habe zwar noch Zuspruch in den Banlieues, in denen Mieter von Sozialwohnungen und Bevölkerungsgruppen mit Migrationshintergrund dominieren und bei den unter 35-Jährigen. Aber dies könne nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie in der Arbeiterklasse und der unteren Mittelschicht nicht mehr verankert sei. Die Karte der RN-Wahlkreise ist da überdeutlich: Das Ressemblement National hat die Sozialistische Partei (PS) und die Kommunistische Partei Frankreichs (PCF) aus Nord- und Nordostfrankreich verdrängt. Pas-de-Calais ist dafür beispielhaft: 2012 hielt die Linke dort elf von zwölf Wahlkreisen; 2024 keinen einzigen mehr (zwei Wahlkreise sind macronistisch, zehn RN, von denen sechs Kandidaten im ersten Wahlgang gewählt wurden!)“ Wie zur Bestätigung dieses Artikels hat Macron nun die Rechten zur Großen Koalition aufgerufen…
4. – 8. Juli 2024 Wahl in Frankreich – Wetter, Natur und Kultur am Ärmelkanal
Wir sind noch mal für vier Übernachtungen an den Ärmelkanal gefahren. Glücklicherweise in einem Mobilheim mit Meerblick, sonst hätten wir bei diesem Mistwetter gleich wieder nach Hause fahren können. Niemand ist am Strand – bei Windstärke 8 abwechselnd mit Starkregen auch kein Wunder. Am Freitag schauten wir zusammen mit vielen Franzosen in der Sportbar das Deutschlandspiel gegen Spanien und nach dem Aus ernteten wir manchen wohlmeinenden Kommentar. Viele Franzosen hätten lieber Deutschland als Gegner im Halbfinale gesehen…
Eigentlich sollte an dem Wochenende ein großes Fest in Le Portel stattfinden. Wie so viele um diese Jahreszeit in ganz Frankreich: Zum einen beginnen die Ferien und zum anderen und zum anderen startet die Woche zu den Feierlichkeiten des 14. Juli, dem Nationalfeiertag. Aber fast wäre die Fete de la Flotille et du Patrimoine Portelois ganz dem Wettergott zum Opfer gefallen. Über die Hafenbauer von Boulogne sur Mer tobten noch am Samstag meterhohe Brecher und der Wind wehte uns fast um. Wenigstens am Sonntagnachmittag gab es eine kurzfristige Besserung und wir – konnten mit vielen anderen Menschen die Musik, die Darbietungen der örtlichen Vereine, die stolz ihr Patrimoine (Erbe) präsentierten und diverse kulinarische Genüsse genießen. So zeigte die Akademie Nationale de Cuisine ihr ganzes Können mit Produkten aus dem Meer. Sogar im Nachtisch gab es Salicorne (d.i. Queller oder Meeresspargel, der leicht pfeffrig schmeckt). Direkt nebenan liegt schließlich der größte Fischereihafen Frankreichs.
Die Region Pas-de-Calais ist die ärmste im Land. Nicht weit entfernt liegt die Stadt Reims. Der französische Soziologe Didier Eribon hatte sein Buch, in dem er sich mit dem Rechtsruck auf dem Lande – nicht nur seiner Eltern – beschäftigt Rückkehr nach Reims genannt.
Nicht weit entfernt ist auch die französische Literaturnobelpreisträgerin Annie Ernaux aufgewachsen, die es vom Arbeiterkind zur Lehrerin geschafft hatte. Ihre gleichermaßen autobiografischen wie ethnosoziologischen Beschreibungen des Lebens auf dem Lande, des neuen Prekariats und der Klassenkonflikte sind erschütternd. Zu diesem Zeitpunkt hatte der deutsche Soziologenmainstream gerade entschieden, dass sich die Klassenfrage ein für alle allemal erledigt hätte. In Frankreich hingegen analysierten, ausgehend von Eribon und Ernaux, viele Intellektuelle wieder die ungleiche Macht- und Vermögensverteilung, als zu lösende zentrale Aufgabe jeder Demokratie und Ursache der großen Probleme im Lande. Sie beschäftigen sich mit den Menschen dieser und anderer ländlicher Regionen, die sich abgehängt und nicht ernst genommen fühlen von der globalisierten Pariser „Kulturelite“ und sie demonstrierten mit den Gelbwesten. In Deutschland waren und sind „unsere“ Intellektuellen schnell dabei diese als rechts zu verunglimpfen. Diese einfachen Menschen: Fischer, Arbeiterinnen und Handwerker und natürlich das Personal in der Gastronomie, im Handel und dem Hotelgewerbe sind immer noch stolz auf ihre regionale Kultur, was wir bei diesem Fest wieder miterleben konnten. Die Frauen trugen Tracht und die Männer sind stolz auf ihr Handwerk des Fischens. Auch wenn wir ihren Dialekt kaum verstehen sind sie bemüht uns alles zu erklären. Heute ist der 2. Wahltag und die Franzosen zeigen mit der höchsten Wahlbeteiligung seit über 40 Jahren wie wichtig diese ist. Der neoliberale Macron, natürlich ein Young Global Leader, also Schüler des Weltwirtschaftsforum, ist für diese Menschen das abschreckende Beispiel für die abgehobene Elite, weshalb sie ihn lieber gestern als heute loswerden wollten. Genau dafür war ja mal Melenchon angetreten – den Macronismus zu beenden. Was natürlich wieder nicht gelingt. Dank seiner Machtspielchen bleibt Macron an der Regierung und hat noch erfolgreich die Linke unter seine Kontrolle gebracht. Nach der Wahl will er wohl mit den Rechten eine große Koalition eingehen. Das verkündet uns zumindest am Abend das französische Fernsehen.
Brecher an der Mole von Boulogne sur Mer bei Windstärke 8, am Wahlsonntag 2024 (Handyfoto)
Im Pas-de-Calais trauten wir uns das Wahlergebnis vorauszusagen, schließlich kommen Werner und ich aus der ärmsten Stadt in Deutschland – mit den höchsten Ergebnissen für die AFD. In Frankreich ist das nicht anders: Laut der ersten Hochrechnung gegen 22 Uhr hatte Le Pen (also der RN) hat auch hier die meisten Stimmen erhalten. Passend titelte am nächsten Tag die Neue Zürcher Zeitung „Aufstieg der Ausgegrenzten“. Es wäre gut, wenn die Vielen die „gegen rechts“ demonstrieren, sich einmal mit den Hintergründen für dieses Wahlverhalten beschäftigten. Einen guten Einstieg böte die Literatur von Eribon und Ernaux.
01. – 15. Juni 2024 Gardasee: Lugana, Espressotassen und Sportwagen der Superklasse
Es ist einfach nur schön bei bestem Wetter mal wieder am Gardasee in unserem Lieblingscafé La Fenice zu sitzen: Jugendstil vom Feinsten, direkt am See, mit Blick auf Sirmione. Wir genießen La Capricciosa – das sind drei Törtchen mit einem Espresso, einfach nur klasse. Schräg gegenüber können wir ein paar Flaschen meines Lieblingsweines erstehen – wir sind nämlich in San Benedetto di Lugana. Und nach diesem kleinen Stadtteil von Peschiera ist der Luganawein benannt. Wir waren auch wieder bei der Tochter des verstorbenen Künstlers Pino Castagna und haben drei Espressotassen – die signierten Originalmodelle (!) – für ein befreundetes Ehepaar erstanden und für uns ein paar blaue Dessertteller. Passend zu unserem neu in blau gestylten Balkon. (Man gönnt sich ja sonst nichts). Am Montag besuchten wir in Peschiera del Garda den Markt, um eine Bluse für meine Mutter zu kaufen. Anschließend bummelten wir durch das Örtchen, auf der Suche nach einem netten Lokal für den notwendigen Aperol. Direkt am Hafen in einem kleinen Park vor dem Museum standen vier derartig auffallende Sportwagen, dass wir stehen blieben. So etwas hatten wir noch nie gesehen: futuristisch designte High-Speed-Boliden der Firma Königsegg. Kein Wunder – sind diese Autos doch weit entfernt von so schlichten Sportautos wie Porsche, Lamborghini oder Ferrari, die man ja auch in Gelsenkirchen gelegentlich erblickt. Passend dazu auch die Besitzer, etwa derjenige des Wagens mit einem Kennzeichen aus Dubai. Wir haben noch nie erlebt, dass jemand so deutlichg sichtbar durch den „Pöpel“ einfach hindurchsehen konnte…
Natürlich versuchten wir zu schätzen, was diese Fahrzeuge wohl kosten würden. Schließlich möchte man ja doch wissen, was mit den vielen hinterzogenen Steuermilliarden und Aktiengewinnen (etwa bei Rheinmetall) so alles angestellt wird. Wir schätzten die Fahrzeuge auf eine halbe bis ganze Million pro Stück – und lagen ziemlich daneben: Sie lagen alle bei knapp unter drei Millionen €. Es handelt sich um Einzelanfertigungen in Kleinstserien, mit teils über 1000 PS. Luxus, dessen publikumswirksame Zurschaustellung man getrost als obszön empfinden durfte. Dagegen wirkte ein hinter dem schwarzen Königsegg (1. Foto unten) geparktes Mercedes-Sportcoupe schon fast wie ein Dienstbotenauto…
Einder drei knapp 1 Million teuren Supersportwagen der Fa. Königsegg
Bolide Nr. 2 der Firma Königsegg in Peschiera del Garda 2024, Nummernschild aus Dubai
26. Mai 2024, Mainz: Emilie in neun Szenen und das Licht von Chagall
Am 11.5.2024 hatte Emilie, Kaija Saariahos dritte Oper, Deutschlandpremiere am Staatstheater in Mainz. Eine für ihre Zeit bemerkenswert emanzipierte Frau steht im Zentrum von Saariahos Monodrama neun Szenen, das sie 2010 komponierte. Es ging dabei um Emilie du Châtelet, eine französische Mathematikerin, Physikerin und Philosophin zur Zeit der Aufklärung – und um Licht, diesmal als Metapher. Denn der Gebrauch der Vernunft sollte den Menschen frei machen und ein Licht gegen das Dunkel der Fremdbestimmung durch Klerus, Adel und jedwede Herrschaft über den Menschen setzen. Emilie ist mit 42 Jahren noch einmal schwanger und ahnt, dass sie die Geburt des Kindes nicht überleben wird. Tag und Nacht arbeitet sie deshalb daran, ihr wichtigstes Werk noch zu vollenden: die Übersetzung und Kommentierung von Newtons Philosophiae Naturalis Principia Mathematica. Dabei schweift sie immer wieder in Gedanken ab, blickt zurück auf vergangene Liebesbeziehungen, sinniert über physikalische Probleme, wendet sich an ihr ungeborenes Kind, philosophiert über die Liebe und das Glück… Die finnische Komponistin Kaija Saariaho zeichnet ein intimes und lebendiges Portrait, das die unterschiedlichen und teils exzessiven Facetten von Emilies Charakter offenbart: ihre Leidenschaft für verschiedene Männer, darunter auch Voltaire, und vor allem für die Wissenschaft. Mit ihrer feinsinnigen Musiksprache folgt Saariaho der Protagonistin durch eine schlaflose Nacht, haucht ihr über die Rhythmen des Orchesters Atem ein und lässt durch die besondere Klangfarbe eines Cembalos Emilies Epoche wiederaufleben. Zeittypisch klangstark und trotzdem meditativ, mit vielen hell klingenden Schlaginstrumente, Xylophon und Glocken unterstreichen die vier Protagonistinnen (drei Sängerinnen und eine Sprecherin) ihre Denk- und Gefühlswelten. Auch Emilie spricht in ihrem Werk immer wieder über das Feuer, das Licht und unsere Wahrnehmung von Farben. Es ist sehr tragisch, dass Saariaho diese Deutschlandpremiere nicht mehr erleben konnte. Sie erlag am 2. Juni 2023 einem Gehirntumor. Vor der Aufführung war ich noch im Stephansdom in Mainz und hatte das besondere Erlebnis die riesigen Glasfenster, überwiegend in Blautönen gestaltet, von Marc Chagall zu bestaunen. Im Alter von 95 Jahren hatte der Maler diese Arbeiten noch skizziert und eine „Vorhalle des Lichts“ gestaltet. Figurenlose Darstellungen, die an Blätter erinnern, an den Himmel, an Wasser in starkem Kontrast zu den biblischen Botschaften hinter der Kanzel.
Mai 2024 – Komponistinnen in Essen und Mainz
I
Im letzten Jahr hatte ich schon mal zum Thema Komponistinnen geschrieben, u.a. über das erste Sinfoniekonzert in GE, mit Werken ausschließlich von Komponistinnen. Es scheint, endlich sind ihre Werke ein Thema. Nach den Philosophinnen und den Malerinnen werden auch sie wiederentdeckt. Der WDR 3 gestaltet ganze Reihen, widmete Ihnen am 8. März 2024, dem Frauentag, sein halbes Programm und sie sind selbstverständlicher Bestandteil des Klassikprogramms geworden. Und immer häufiger werden ihre Werke auch in den deutschen Konzertsälen aufgeführt. So zuletzt in der Philharmonie Essen, die erstmalig unter dem Motto „HER: VOICE“ im Mai 2024 ein dreitägiges Symposium mit Vorträgen über und Konzerten von Komponistinnen veranstaltete. Sie werden nun jährlich eine solche Veranstaltung durchführen. Ich war natürlich dabei und habe die erste Faustoper überhaupt gesehen, komponiert noch zu Goethes Lebzeiten von Louise Bertin. 1833 sollte die Uraufführung dieser opera semiseria, also der halbernsten Oper in vier Akten, stattfinden. Den Fausto hatte sie als Hosenrolle für einen Mezzosopran angelegt. Aufgrund vielfältiger Unstimmigkeiten wurde die Uraufführung um ein Jahr verschoben, hatte dann aber großen Erfolg. Die Zeitung La Tribune de départments schrieb, das Publikum applaudierte enthusiastisch und das in einem Theater, in dem Mozart aufgeführt wurde. Rossini und Meyerbeer bescheinigten dem Werk Originalität in Klangfarbe und Melodie sowie bemerkenswerte dramatische Kraft. Trotzdem wurde die Oper nur dreimal aufgeführt – denn dann endete die Spielzeit. Bis vor kurzem galt der Klavierauszug als verschollen. Bis dieses historische Material in der Pariser Nationalbibliothek wiederentdeckt und eine Neuedition erstellt wurde. Eine erste konzertante Fassung wurde 2023 in Paris aufgeführt. Erst knapp 200 Jahre nach der ersten Vorstellung 1831 erlebt Bertins Fausto eine beeindruckende Wiederentdeckung am Aalto Musiktheater in Essen.
II
Erlebt habe ich auch ein Sinfoniekonzert mit der Pianistin Lera Auerbach, die ihr 2015 entstandenes Klavierkonzert selbst einspielte. Die Komponistin, Pianistin, Dichterin und Malerin beschreibt sich auf ihrer Website als „moderne Renaissancekünstlerin“. Im Gesprächskonzert am Nachmittag des 10.5. erklärte die Universalkünstlerin auf die Frage, ob sie sich eher als spielende Komponistin oder als komponierende Pianistin sehen würde: Sie sei Dirigentin. Aber es kämpften stets viele verschiedene Identitäten in ihr. Die Musik, so erzählte sie dem Publikum, habe sie ausgewählt. Die Musik habe sie gefunden. Das Konzert für Klavier und Orchester (2015), das sie an diesem Abend zum zweiten Mal in Essen spielen würde, sei immer noch Work in Progress. Die erste Idee dazu hatte sie mit 14 Jahren – Anlass war ein Traum. Seither hat sie das Stück immer wieder neu bearbeitet und revidiert. Es ist eher tragische Musik, geht es doch um die großen Probleme in dieser Welt, Krieg und Frieden.
Mit dem Thema Komponistinnen beschäftige ich mich weiterhin. Was es dabei sonst noch zu entdecken gibt könnt ihr im November erleben, wenn wir am 1.11. (Vernissage) und 24.11. (Finissage) einladen. Es gibt eine Ausstellung mit Bildern von Malerinnen die Philosophinnen porträtiert haben, Musik von Komponistinnen wie Mel Bonis, Louise Farrenc, Lily Boulanger u.a. – live gespielt von Cathrin Gronenberg und ihrer neuen Combo, verbunden mit Kurzvorträgen von mir.
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